Der 17. Karmapa sieht sich mit Klage konfrontiert

Gegen Ogyen Trinley Dorje wird wegen Kindes- und Ehegattenunterhalt geklagt¹

Der Gyalwang Karmapa Ogyen Trinley Dorje, einer von zwei Kandidaten für die Position und den Titel des „Karmapa“, wird beschuldigt, eine Nonne in Ausbildung in einem Kloster in New York im Jahr 2017 sexuell missbraucht und geschwängert zu haben. Dies geht aus einer Klage hervor, die von Vikki Hui Xin Han in Kanada eingereicht wurde.

Han behauptet außerdem, dass sie und der Karmapa eine eheliche Beziehung entwickelt und beide geplant hätten, zusammen zu leben. Laut der Klage haben sich beide aber nur vier Mal getroffen. Die Anschuldigungen wurden am 19. Mai 2021 bekannt, weil eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von British Columbia Han das Recht zusprach, den Karmapa zusätzlich zum Unterhalt für das Kind auch auf Ehegattenunterhalt zu verklagen.

Der Karmapa ist das Oberhaupt der 900 Jahre alten Karma-Kagyü-Linie. Die Karma-Kagyü-Linie ist eine von verschiedenen Unterlinien der Kagyü Schule, die wiederum eine von vier Hauptschulen des Indo-Tibetischen Buddhismus ist. Gleich nach dem Dalai Lama gilt er als das höchste geistliche Oberhaupt Tibets.

Laut dem buddhistischen Magazin Tricycle (USA) haben weder das Büro des Karmapa in Indien noch sein Anwalt auf Bitten um einen Kommentar reagiert.

Laut Han traf sie den Karmapa zum ersten Mal im Jahr 2014, als sie seine Erlaubnis erhalten habe, sich als Nonne ausbilden zu lassen. Han wollte nach eigener Aussage eine buddhistische Nonne werden. Zwei Jahre später habe sie ein dreijähriges Retreat in einem Kloster in Upstate New York begonnen. An diesem Retreat-Ort, Karma Ling, habe sie als Nonne im Zölibat gelebt und praktiziert. Am 14. Oktober 2017 habe der Karmapa sie in ihrem Zimmer sexuell angegriffen. Durch den angeblichen Übergriff sei sie schwanger geworden.

In den Ausführungen zur Entscheidung des Gerichts heißt es weiter:

[12] Nachdem sie erfahren hatte, dass sie schwanger war, bat Frau Han um eine Privataudienz bei Herrn Dorje. Im November 2017 teilte Frau Han Herrn Dorje im Beisein seiner Leibwächter mit, dass sie mit seinem Kind schwanger sei. Herr Dorje leugnete zunächst die Verantwortung; er gab Frau Han jedoch seine E-Mail-Adresse und eine Handynummer und sagte laut Frau Han, er würde „etwas Geld“ für sie vorbereiten.

[13] Frau Han gab ihren Plan, Nonne zu werden, auf, verließ das Retreat und kehrte nach Kanada zurück. Sie sah Mr. Dorje nie wieder.

[14] Nachdem Frau Han nach Kanada zurückgekehrt war, begannen sie und Herr Dorje eine regelmäßige Kommunikation über eine Instant-Messaging-App namens Line. Sie tauschten auch E-Mails aus und sprachen gelegentlich am Telefon.

Sich auf die Ausführungen zur Entscheidung des Gerichts berufend berichten CBC und The Times, dass der Karmapa jedwede romantische Beziehung zu Han bestreitet, aber zugebe, ihr Geld geschickt zu haben und sie emotional zu unterstützen. Jegliche emotionale und finanzielle Unterstützung, die er ihr zukommen ließ, war „zum Wohle des Kindes“ „von dem sie ihm sagte, es sei seine Tochter.“ Am 17. September 2018 habe der Karmapa Ha geschrieben „für sie und dich zu sorgen ist meine Pflicht fürs Leben“.

17th Karmapa Ogyen Trinley Dorje © Karmapa Foundation Europe (CC BY-NC-ND 2.0)

Aus Sicht der Klägerin habe sich was „als eine nicht einvernehmliche sexuelle Begegnung begann“ „zu einer liebevollen und zärtlichen Beziehung entwickelt“, die sich über Textnachrichten abgespielt habe.¹ Über Dritte habe Ogyen Trinley Dorje im Jahr 2018 Han insgesamt rund $690.000 (ca. 570.000€) für ihre Krankenhausentbindung, postnatale Rechnungen, Kindesunterhalt, einen Ehering und ein Haus für die Mutter und das Kind zukommen lassen. Laut Han habe sie das Geld verwendet, um eine Eigentumswohnung in Richmond B.C. zu kaufen.

Im Oktober 2018 habe der Karmapa Han eine Notiz gesendet, in der er gesagt habe, er plane, in Europa zu „verschwinden“. „Ich werde definitiv einen Weg finden, sie und dich zu treffen. Denk daran, auf dich aufzupassen, falls etwas passiert.“¹ Im Januar 2019 habe er aufgehört auf Hans Nachrichten zu antworten. Sechs Monate später, am 17. Juli 2019, reichte sie Klage gegen den Karmapa ein. Sie beantragte Kindesunterhalt, eine Abstammungserklärung und einen Abstammungstest. Sie beantragte zu der Zeit keinen Ehegattenunterhalt. Später aber bat Han das Gericht, ihr zu erlauben, ihren Anspruch auf Ehegattenunterhalt zu erweitern, wenn der Fall im April 2022 vor Gericht verhandelt wird. Diesem Antrag wurde statt gegeben.¹

Keine der Anschuldigungen wurde vor Gericht bewiesen. „Es sollte betont werden, dass es sich hier nur um einen Antrag auf Änderung der Schriftsätze handelt“, sagte Meister Bruce Elwood, der Richter am Obersten Gerichtshof, der dem Antrag von Han stattgab. „Die Behauptungen des Klägers werden für die Zwecke dieses Antrags als wahr vorausgesetzt. Diese Behauptungen wurden nicht vor einem Gericht geprüft.“ Nach der Gerichtsentscheidung hat Han drei Wochen Zeit, „Einzelheiten“ der angeblichen ehelichen Beziehung vorzulegen.

Der Karmapa, auch ein Schüler und Unterstützer des Dalai Lama, wurde einst vom Dalai Lama als derjenige benannt, der zusammen mit Ling Rinpoche nach seinem Tod seine Aktivitäten fortführen solle. Von vielen wird er als spiritueller Nachfolger des Dalai Lama auf der Weltbühne gesehen: ein charismatischer und populärer Sprecher für Tibet und den Buddhismus. Der Karmapa selbst scheint davon weniger angetan zu sein. Das Leben als Linienhalter beschrieb er als beschwerlich und belastend, teilweise fühle er sich niedergeschlagen und deprimiert. Einige Tibeter und Nicht-Tibeter folgen einem anderen Karmapa Kandidaten, Thaye Dorje, den der Sharmapa auswählte. Dieser beendete seine Ordination als Mönch, legte seine Robe ab, heiratete und gründete eine Familie.

Karmapa Ogyen Trinley Dorje erhielt am  24. Juli 2002 seine Ordination als Novizenmönch (dge tshul pha) von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, dem bei der Zeremonie von Gyaltsab Rinpoche assistiert wurde. Laut offizieller Karmapa Website wurde „dieser freudige Anlass im Kloster Gyuto drei Tage lang gefeiert. Es wird als besonders glückverheißend angesehen, dass Seine Heiligkeit seine Getsul-Gelübde vom Dalai Lama erhalten konnte.“

Buddhistische Mönche und Nonnen leben im Zölibat. Geschlechtsverkehr ist ein schwerwiegender Verstoß gegen die Gelübde eines Mönches oder einer Nonne.

Anschuldigungen gegen den Karmapa in der Vergangenheit wegen Devisenverstößen durch der Himachal Pradesh Regierung (Indien) bestätigten sich nicht und wurden fallen gelassen.³ Für den Vorwurf des indischen Geheimdienstes, der Karmapa sei ein chinesischer Spion, gab es keine Belege. Sowohl der Karmapa als auch die tibetische Exilregierung (CTA) und China wiesen diesen zurück.⁴

Zuletzt aktualisiert: 11.06.2021 


¹ THE SUPREME COURT OF BRITISH COLUMBIA: Vikki Hui Xin Han vs. Ogyen Trinley Dorje (2021 BCSC 939 Han v. Dorje)

² “B.C. woman claims ‘marriage-like relationship’ with revered Buddhist holy figure” – CBC News (Canada)

³ India clears Karmapa of foreign exchange violations charge – TibetanReview | 17th Karmapa cleared from currency case – Phayul

Many accusations but few facts as Karmapa accused of spying – South China Morning Post | Tibet govt denies India-based Karmapa Lama is China spy – Reuters | Karmapa Lama: „I’m not a spy, the Chinese are massacring Tibet“ – AsiaNews | Karmapa not a Chinese spy, claims Beijing – The Times of India

Siehe auch

Der 17. Karmapa sieht sich mit Klage konfrontiert

5 Gedanken zu „Der 17. Karmapa sieht sich mit Klage konfrontiert

  • 31. Mai 2021 um 20:06
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    Wir werden sehen, was sich da ergeben wird. Nichts ist so wie es scheint, ich möchte alle Dharma Anhänger ermutigen, eurer Praxis „treu zu bleiben“, ohne zu urteilen und zu bewerten. Lg Frank

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    • 31. Mai 2021 um 20:09
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      Hi Frank, was meinst du damit „nichts ist so wie es scheint“? Hast du Zugang zu geheimen Wissen, dass dich ermächtigt mehr zu wissen als was bisher bekannt ist?

      Generell:
      Es gilt die Unschuldsvermutung, für alle Seiten, für den angeblichen Täter ebenso wie für das angebliche Opfer.

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  • 1. Juni 2021 um 03:29
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    Im Prinzip nichts Neues, leider. Gibts auch im Hinayana. Solange die Dayaka mitspielen…..sonst müssten die wie Normalsterbliche malochen gehen. Danke für den Artikel.

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  • 12. Juni 2021 um 10:23
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    Es mag gemein klingen, aber ob (jenseits der spirituellen Bewertung und der Frage, inwieweit ein einvernehmliches sexuelles Verhältnis bestanden hat) die Klägerin Geschlechtsverkehr mit dem Karmapa hatte, ist im vorliegenden Fall ja ziemlich einfach festzustellen, sollte das Kind wirklich von ihm sein. Vor einer weiteren Bewertung des Falles sollte zumindest dies klar feststehen (und das ist ja nun wirklich nicht sehr schwierig, einen entsprechenden Nachweis zu erbringen).

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    • 12. Juni 2021 um 18:21
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      Es ist nicht gemein, einen Reality Check zu machen und die Fakten zu etablieren. Tatsächlich ist Teil des noch ausstehenden Verfahrens – falls es zu ihm kommt – der Vaterschaftstest, den die Klägerin einfordert. Der kann aber nur, soweit mir bekannt, mit beidseitigem Einvernehmen stattfinden oder von Gericht angeordnet werden. Wird der Test verweigert, nicht erzwungen oder sich ihm entzogen, kann die faktische Klärung nicht stattfinden. Dann bleiben nur noch weniger verlässliche Schlussfolgerungen, Vermutungen oder Interpretationen. Wem würden diese hilfreich sein? Was würden diese nutzen? Ich denke, sofern die vorgelegten Mittel (Emails, Geldtransfer etc.) belastbar und authentisch sind (sonst könnte ja jeder kommen und Vaterschaftstest von jedem erzwingen), ist die Klärung via Vaterschaftstest unumgänglich. (Sofern diese Klärung gewünscht ist.)

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