Guru und Schüler – Beziehungsdynamik und Bindungstrauma

Meine Mutter wuchs in Frankreich als Pflegekind auf. Mein Vater war ein Produkt des Zweiten Weltkriegs und konnte erst als Zehnjähriger wieder den Kontakt zu seiner Mama aufnehmen. Infolgedessen litt er unter Scham und einem schweren Bindungstrauma. Meine Mutter war eine mit Depressionen kämpfende entmutigte Borderlinerin und er ein Co-Abhängiger, der seine Fähigkeit zu fühlen eingebüßt hatte. Da mein Vater meist abwesend war, übernahm ich die Elternrolle und entwickelte im Rahmen dieser Parentifzierung eine symbiotisch-verschmelzende Beziehung zu meiner Mutter. Weder meine Schwester noch ich erhielt in diesem familiären Umfeld die nährende emotionale Fürsorge, die wir gebraucht hätten, um eine sichere Bindung heranwachsen zu lassen. Meine Coping-Strategie war es, Schulbester und allgemein der beste Junge, der ich sein konnte, zu werden. So wurde ich zum Goldenen Kind mit zunehmend starken co-abhängigen Tendenzen. Meine Schwester hatte schwer zu kämpfen, um sich in dieser Familienkonstellation zu behaupten; sie wurde der Sündenbock und Borderline-Tendenzen traten bei ihr auf. Als ich 9 Jahre alt war, ließen unsere Eltern sich scheiden. Mama kam mit der emotionalen Nichtverfügbarkeit von Papa nicht mehr klar und verließ meine Schwester und mich von einem Tag auf den anderen, um mit ihrem neuen Partner zu leben. Ihren überstürzten Aufbruch konnte sie uns nur mit Mühe und Not erklären. Zu dem Zeitpunkt in meinem Leben war meine Mama alles für mich. Sie war Hausfrau, wir verbrachten viel Zeit zusammen und meine Aufgabe war es, die emotionale Leere, die mein Papa hinterlassen hatte, zu füllen. Unsere Beziehung war eine symbiotische Fusion. Zwar ist es für einen 9-Jährigen ganz natürlich, von seiner Mutter abhängig zu sein, aber meine Abhängigkeit war stärker ausgeprägt, weil meine Mutter solche Angst vor dem Alleinsein hatte. Das Ganze wurde dadurch noch schlimmer, dass ich, als sie weglief, mit einem emotional unerreichbaren Vater zurückgelassen wurde. Meine neue Stiefmutter war eine launische Borderlinerin. Als Co-Abhängiger musste mein Vater als der Gute erscheinen, sodass er Partei ergriff statt um den Zusammenhalt der Familie zu kämpfen. Das führte dazu, dass sie uns als klare Bedrohung für ihre Beziehung zu unserem Vater ansah. Dadurch wurden wir schließlich ein zweites Mal verlassen, als mein Vater uns unserer Mutter zurückgab und wir ihn danach kaum mehr sahen. Dieses zweite Verlassenwerden war sehr schlimm für mich, zumal ich meinen Vater bat, bei ihm bleiben zu dürfen. Obwohl er ein abwesender Vater war, hatte ich vor der Unberechenbarkeit meiner Mutter große Angst, sodass es sich damals sicherer anfühlte, bei ihm zu bleiben, statt zu Mama zurückzugehen. Doch er gab mich einfach meiner Mutter zurück, ohne uns auch nur die geringste Erklärung zu liefern. Als Folge von alledem bildete sich bei meinem Kind-Selbst die Grundüberzeugung heraus, „böse“, ja sogar „sehr böse“ zu sein, weil meine Eltern nicht mit mir zusammensein wollten. Und kurz nachdem ich wieder mit meiner Mutter vereint war, bekamen beide Elternpaare einen kleinen Sohn. Das verstärkte die Überzeugung, wie schlecht wir doch sein müssten – so böse, dass wir ersetzt werden mussten. Ich erzähle diese persönliche Geschichte nicht, um meinen Eltern eins auszuwischen, schließlich habe ich selbst viele ihrer Fehler wiederholt, sondern um mit den Lesern meine Erfahrung zu teilen, wie Bindungstraumata entstehen.

Mit der Grundüberzeugung, ein zutiefst schlechter Mensch zu sein, versuchte ich umzugehen, indem ich extrem leistungsorientiert wurde. Ich war ein kluges Köpfchen und nutzte dies zu meinem Vorteil, um meine grundlegende Scham, nicht liebenswert zu sein, zu begraben, sodass meine Erfolge mir die positive Aufmerksamkeit verschaffen konnten, nach der ich mich so verzweifelt verzehrte. Zur Bewältigung meines Bindungstraumas konzentrierte ich mich voll und ganz auf mein Ziel, an der Ecole Polytechnique, der angesehensten Ingenieurschule Frankreichs, zugelassen zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitete ich nach meinem Abitur zwei Jahre lang wie ein Berserker. Jede Nacht lernte ich bis halb eins und erlaubte mir lediglich am Samstagnachmittag die Freiheit, in der Natur an der Côte d’Azur Fahrrad zu fahren. Da die Prüfung landesweit war, konkurrierte ich mit den intelligentesten und fleißigsten Studenten meiner Altersgruppe in Frankreich. Für das Okkulte begann ich mich zu interessieren, weil ich es als Abkürzung, superschlau zu werden, ansah; denn der Beste zu werden war meinem Empfinden nach die einzige Chance, geliebt zu werden. Im Grunde genommen fühlen sich heutzutage viele Kinder, die von den Filmen und Comics mit den Marvel-Superhelden fasziniert sind, völlig machtlos und ohne Selbstwirksamkeit, da sie sich so, wie sie sind, nicht liebenswert finden. Ich habe es letztendlich doch nicht auf die Ecole Polytechnique geschafft, aber auf die zweitbeste Ingenieurschule in Frankreich, die Ecole Centrale Paris, was ein Riesenerfolg war. Ich hatte gedacht, durch das Erreichen meines Ziels glücklich zu werden, aber das Gegenteil trat ein. Ich hatte das Ziel verloren, das mich von meinem Elend ablenkte. Ich fühlte mich kreuzunglücklich und konnte mir nicht erklären warum. Ich fühlte mich nirgendwo zugehörig. Ich trank immer mehr Alkohol und meine Beziehung mit Frauen beschränkte sich auf bedeutungslose One-Night-Stands. Ich ekelte mich zutiefst an. Ich hatte viele Bücher von Osho Rajneesh gelesen (siehe die Dokuserie Wild Wild West auf Netflix) und seine provokativen Einsichten, sein umfangreiches Wissen und seine Weisheit gefielen mir sehr. Eines Tages, als ich mich besonders unglücklich fühlte und auf der Suche nach einer Antwort war, zog ich eine Karte aus seinem Tarot-Deck. Es war die Meisterkarte, die 79. Karte des Osho-Tarots. Ich deutete diese Karte so, dass ich einen Meister finden musste, weil ich mich so festgefahren fühlte. Erwachen schien die Antwort auf mein Leiden zu sein. Damals hinterließ eine okkulte Gruppe in Paris Lesezeichen in den Büchern von Osho Rajneesh. Die Gruppe hieß „The Fellowship of Friends“ und verkündete einen vierten Weg nach den Lehren von Gurdjieff und Ouspensky, zwei berühmten russischen Mystikern. Osho erwähnte Gurdjieff häufig in seinen Büchern. Ich nahm Kontakt zu ihnen auf und nach drei Einführungstreffen war ich entschlossen, beizutreten, um meinem Kummer und meiner Isolation ein Ende zu setzen.

Zunächst war meine Erfahrung in der Sekte erhebend. Ich empfand ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit, mein Leben erhielt einen neuen Sinn, ich war umgeben von vielen intelligenten, reifen und weisen Menschen, mein Geist fand Anregung in neuem, faszinierendem esoterischem Wissen, mein Ego fühlte sich geschmeichelt, den Auserwählten anzugehören und einen direkten Draht zu Gott zu haben (der in dieser Gruppe „Influence C“ genannt wurde), ich entwickelte tiefere Beziehungen zu anderen Menschen und mein Leben wurde erfüllt von neuen, spannenden Erlebnissen und Abenteuern. Zu dem Zeitpunkt in einer Sekte zu sein, war wirklich eine Verbesserung meines Zustands im Vergleich zu der Ohnmacht, Isolierung, Sucht und Depression, mit denen ich gekämpft hatte. Tatsächlich werden viele Menschen aus einer stoffgebundenen oder sexuellen Sucht heraus fundamentalistische wiedergeborene Christen und das ist für sie auch eine Verbesserung. Es hat schon seine Gründe, warum das 12-Schritte-Programm die Religion so betont.

Wenn Sie die Art Sekte, der ich mich angeschlossen hatte, besser verstehen möchten, dann könnte Sie der Dokumentarfilm Holy Hell auf Netflix interessieren. Sowohl mein Sektenführer Robert Earl Burton als auch Michel Rostand in „Holy Hell“ sind größenwahnsinnige, homosexuelle Raubtiere. Sie glauben, sie seien vollkommen erwacht. Sie sind extrem manipulativ und sind überzeugt, es sei eine Ehre, von ihnen benutzt zu werden. Sie sind sehr autoritär und üben eine umfassende Kontrolle über das Leben ihrer Mitglieder aus. Roberts Gruppe, The Fellowship of Friends, war etwas größer als Michels Gruppe und umfasste zu den besten Zeiten über 3000 Mitglieder. Robert forderte 10 % des Einkommens aller Mitglieder, Sex von jedem männlichen Mitglied, das er attraktiv fand (wobei die meisten heterosexuell und an Sex mit einem Mann nicht interessiert waren), und gehorsame Befolgung seiner Anweisungen, da er sich selbst für weiter entwickelt hielt als Christus.

Leider ist in den meisten Fällen eine Guru-Schüler-Beziehung nichts weiter als eine narzisstische/co-abhängige Beziehung. Es ist eine dysfunktionale Beziehung, in der Bedürfnisse auf destruktive, manipulative und verdeckte Art und Weise erfüllt werden. Was ist die Dynamik dieser dysfunktionalen Beziehung? Wegen ihrer Bindungstraumata haben Co-Abhängige eine Grundscham entwickelt und glauben, sie seien schlecht, weshalb sie ihr eigenes Licht nicht sehen können. Sie haben ihr Licht verleugnet, während ihr Guru seinen Schatten verleugnet hat. So spiegelt ihre Beziehung zu einem narzisstischen Guru ihre vermeintliche Unwürdigkeit wider, und wegen dieser Grundüberzeugung, schlecht zu sein, passen sie perfekt zu ihrem Sektenführer. Co-Abhängige fühlen sich von dem Charme, der Verwegenheit, dem Selbstvertrauen und der dominanten Persönlichkeit des Narzissten angezogen. Reflexartig geben Co-Abhängige ihre eigene Stärke auf; da der Narzisst durch Kontrolle und Macht gedeiht, ist die Anziehung zwischen ihnen intensiv. Der narzisstische Guru findet Rekruten, denen es an Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen mangelt: Co-Abhängige. Durch perfide Manipulationen verstehen es narzisstische Führer, ihre niederen Beweggründe zu verschleiern und eine weiße Weste zu behalten – zumindest am Anfang. Oft sind sie hochintelligent, besitzen esoterisches Wissen, das für ihre Jünger von hohem Wert ist, und spielen virtuos auf der Klaviatur der Bewusstseinskontrolltechniken. Die meisten nutzen die Technik, durch subtile Kritik das Selbstgefühl ihrer Anhänger zu untergraben, oder sie stellen sie in peinlichen Situationen persönlich bloß, um ihre Grundscham zu triggern – angeblich nur, um ihnen dabei zu helfen, ihr Ego zu transzendieren. Sie zementieren ihre Überlegenheit über ihre Anhänger, indem sie vorgeben, nicht überprüfbare übernatürliche Kräfte zu haben. So behauptete Robert beispielsweise: „Ich habe voll entwickelte höhere Zentren“, „Ich lebe in einem reinen Zustand des Gewahrseins und Seins“, „Ich bin allgegenwärtig, allwissend und allmächtig“. Jeder, der die Behauptungen des Gurus in Frage stellt, wird für seinen Mangel an Glaube und Hingabe angeprangert oder als Spaltpilz betrachtet, der den Gruppenzusammenhalt gefährdet. Da Co-Abhängige solch eine immense Verlassensangst haben, gehen sie normalerweise auf Nummer Sicher, indem sie bedingungslos zusammen mit den anderen Anhängern die Ansichten des Gurus übernehmen. Selbst wenn die Gefolgsleute im Laufe der Zeit von dem Missbrauch des Gurus Wind bekommen, schauen sie in die entgegengesetzte Richtung; denn sie verstehen, dass alle Beziehungen in der Gruppe vom Sektenführer abhängen und jede Opposition einer Exkommunikation gleich käme, was für jemanden mit einem Verlassenstrauma die grausamste Strafe überhaupt ist. Sobald wir die Sekte als unsere Familie angenommen haben, sind wir in der Falle. Es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund, weshalb es so schwer ist, aus diesen brandgefährlichen Sekten auszusteigen. Wir hatten unsere Beziehung zu unserem Schöpfer, Gott oder der Quelle aus der Hand gegeben und glaubten, wir seien in diesem Punkt von der Gruppe und dem Sektenführer abhängig. Die Gruppe zu verlassen, bedeutet dann, unsere Verbindung zum Göttlichen zu durchtrennen, was eine im Menschen tief verwurzelte Furcht ist. Jahrtausende lang wurden wir durch die Angst vor dem ewigen Höllenfeuer in Schach gehalten. Als ich Robert 1996 meinen Ausstieg aus der Sekte ankündigte, warnte er mich, dass ich meine Verbindung zu „Influence C“ (d. h. Gott) verlieren würde. Letztendlich bin ich bloß meine Verbindung zu einem Dämonen losgeworden.

Ich hatte The Fellowship of Friends zu meiner Familie gemacht, ich war Teil des inneren Kreises, ich hatte die Glaubensvorstellungen und die Sprache der Sekte übernommen und hatte fast keinen Kontakt mehr zu meiner leiblichen Familie. Wie habe ich es also geschafft, im zarten Alter von 23 Jahren auszusteigen und den Sektenführer Robert Earl Burton an meinem letzten Tag zu konfrontieren, während so viele andere reifere, intelligentere und erfahrenere Mitglieder so viele Jahre lang festsaßen?

  • Zum einen war ich in Kontakt zu einem französischen Heiler, Jacques, geblieben, der, wie ich intuitiv wahrnahm, viel mehr spirituelle Fähigkeiten hatte als mein Guru, der behauptete, Gott auf Erden zu sein. Er half mir klug und dezent bei der Deprogrammierung.
  • Ich war auch nicht total abhängig von der Gruppe, da ich vor kurzem im Silicon Valley eine Arbeitsstelle als Programmierer angetreten hatte.
  • Ich mietete ein Zimmer in einer WG mit einer Person, die ihren eigenen Lehrer hatte, Elias De Mohan, ein erstaunlich hellfühliger Mann ohne jegliche Sektenallüren. Auch das war eine Herausforderung für Roberts Behauptung, er sei das bewussteste Wesen auf Erden.
  • Nachdem ich so viele Veranstaltungen von Robert besucht hatte, wirkte er auf mich wie ein Papagei, der immer wieder dasselbe plapperte, sodass ich nicht mehr das Gefühl hatte, noch irgendetwas Neues zu lernen.
  • Die Sektenorganisation zerstörte meine Beziehung zu einer Frau, in die ich sehr verliebt war, und das brachte mich letztendlich gegen die Sekte auf.
  • Ich erkannte, wie verschwenderisch Robert mit Geld umging, und wollte nicht, dass er jetzt, da ich eine gute Arbeitsstelle hatte, 10 % meines Einkommens aus dem Fenster warf.
  • Doch glaube ich, dass der ausschlaggebende Faktor mein eigenes Bindungstrauma war. Bereits als Kind hatte ich meine Familie verloren und wusste, dass ich das überleben konnte. Vielleicht wollte ich unbewusst erneut den Schmerz erleben, meine Familie wieder zu verlieren, um ihn diesmal zu heilen. Wie dem auch sei, mein Trauma kam mir in dieser Situation zugute.

Die meisten meiner Sektenfreunde verließen die Sekte erst 13 Jahre später, als der ganze Missbrauch durch diesen öffentlichen Blog aufgedeckt wurde.

Hier ist zusammengefasst, wie ein Mitglied einer Sekte von dieser profitiert:

  • Die Grundüberzeugung des Sektenmitglieds, schlecht, wertlos und nicht liebenswert zu sein, wird in einer Reinszenierung des Bindungstraumas aus der Kindheit bekräftigt. Viele Co-Abhängige haben gelernt, dass sie nur dann geliebt werden, wenn sie sich selbst herabsetzen und den anderen über sich stellen
  • Das Sektenmitglied erfährt Zugehörigkeit und die Verbindung zu Gleichgesinnten. Er bekommt eine neue Familie (mit an Bedingungen geknüpfter Liebe)
  • Die Sektenmitglieder können ihr höheres, göttliches Selbst erfahren, wobei sie den direkten Zugang hierzu an ihren Guru abgegeben haben
  • Das Sektenmitglied bekommt ein Gefühl der (falschen) Sicherheit durch das Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein des Gurus und seine Standpunkte zum Sinn des Lebens, die so leicht zu verstehen sind
  • Das Sektenmitglied findet neue Ziele und Tätigkeiten, sodass es seiner inneren Zerrissenheit und seinen Dämonen nicht mehr ins Auge sehen muss. Es bekommt eine neue Richtung im Leben, dank derer es nicht mehr über seinem eigenen Elend brütet und sich folglich besser fühlt. In der Tat kann die Person bei vielen dieser Tätigkeiten ihre Kreativität weitaus besser entfalten als bei dem, was sie in der Vergangenheit tat – unter dem Vorbehalt, dass nicht der Jünger selbst, sondern der Guru finanziell von dieser neu entdeckten Kreativität profitiert

Diese Vorteile sind für den Schüler von solchem Wert, dass er dem Führer oft seinen freien Willen, seine finanziellen Ressourcen und sogar seinen eigenen Körper opfert. Enttäuschung über den Sektenoberen und die Anerkennung des Missbrauchs zwingen den Anhänger letzten Endes dazu, seine Macht zurückzugewinnen, zu seinen Bedürfnissen und auf eigenen Füßen zu stehen, um sein eigenes, authentischeres Leben zu leben. In dieser Phase fühlen sich Sektenanhänger wütend und betrogen und erleben intensive Trauer. Der Himmel hat sich nun in die Hölle verkehrt. Schließlich müssen sie diese Erfahrung auf objektivere Art verarbeiten, damit es zu einer echten Heilung kommen kann. Sie fühlen sich als Opfer, müssen aber letztendlich erkennen und dazu stehen, wie sie durch ihr Bindungstrauma prädestiniert für diese Erfahrung waren. Sie werden ihre eigene Verantwortung für ihren Beitritt zur Sekte annehmen und sich selbst dafür vergeben. Tatsächlich können viele Menschen nach einer Sektenerfahrung ein erfüllendes und erfolgreiches Leben führen, wenn sie alle damit einhergehenden Lektionen lernen können.

Paradoxerweise haben Sektenführer oft eine größere Grundscham als ihre Anhänger. Diese Scham haben sie so stark verdrängt, dass sie sie nur noch im Äußeren über ihre Jünger wahrnehmen können. Wir dürfen nicht vergessen, dass Leiter von Sekten und ihre Anhänger genau wie Narzissten und Co-Abhängige einfach die verdrängten Aspekte der jeweils anderen Seite verkörpern. Viele Sektenführer sind extrem leistungs- und erfolgsorientiert, um ihr eigenes Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren, und viele haben besondere Fähigkeiten entwickelt, um die Illusion persönlicher Größe aufrechtzuerhalten, sodass sie mit ihren eigentlichen negativen Selbstgefühlen nie konfrontiert werden müssen. In der Tat befinden sich sowohl die Sektenführer als auch ihre Mitglieder in einem Zustand dysfunktionaler, ungesunder Abhängigkeit. Der Guru geht mit seiner Unsicherheit aufgrund dieser Abhängigkeit um, indem er sich für seine narzisstische Zufuhr eine große Gefolgschaft aufbaut, die sicherstellt, dass seine Bedürfnisse immer erfüllt sein werden. Zu wachsen und zu heilen ist nämlich schwerer für den Guru, da er seine Scham komplett verleugnet und seine Verletzlichkeit begraben hat. In der Tat sehen Therapeuten viele Co-Abhängige, aber Narzissten tauchen nie bei ihnen auf. Das liegt daran, dass Narzissten keinesfalls zugeben könnten, dass mit ihnen etwas nicht stimmt; wohingegen Co-Abhängige Meister darin sind, den Fehler bei sich selbst zu finden, da sie gelernt haben, dass sie dafür, dass sie dem Narzissten gegenüber ihre Unvollkommenheit zugeben, belohnt werden und Liebe bekommen. Alle Anführer von Sekten haben in ihrer Kindheit unter schweren Traumata gelitten, die nie verheilt sind. Theo Dorpat schrieb in seinem Buch „Wounded Monster“ über die Bedeutung von Hitlers Kindheitstrauma (Hitler war der berüchtigtste Sektenführer aller Zeiten), um sein destruktives Verhalten zu erklären.

Wie profitiert der Sektenführer von den Transaktionen in einer Sekte?

Oben an der Spitze ist es ziemlich einsam, sodass der Sektenoberste in den meisten Fällen keine Zugehörigkeit oder Verbindung erhält. Er fühlt sich oft allein und von den anderen getrennt. Da die Leiter von Sekten die Welt in hierarchischen Strukturen sehen, sind sie unfähig, authentische Beziehungen zwischen Gleich und Gleich zu entwickeln. Deshalb werden so viele Sektenführer, insbesondere Männer, sexsüchtig. Nur durch Sex können sie die Verbindung bekommen, die sie verzweifelt brauchen. Normalerweise bringt der Sektenguru seine Anhänger dazu, seine Sprache der Liebe zu sprechen, ob das nun Dienste sind, Worte der Bestätigung, Geschenke, gemeinsam verbrachte Zeit oder Berührungen, um die Leere seiner pathologischen Einsamkeit zu füllen. Je größer die Leere ist, desto größer ist der Bedarf an Bewunderung von außen. Das gleiche Muster lässt sich bei Stars und ihren Fans oder narzisstischen Führungspersonen und ihren Untergebenen beobachten.

Der Anführer erhält gewaltige Mengen an Energie von seinen Anhängern, die gewöhnlich wegen seines Mangels an Reinheit und Integrität seinen unteren Chakren zugutekommen: finanzielle Sicherheit im ersten Chakra, sexuelle Befriedigung im zweiten Chakra oder Macht im dritten Chakra. Wegen seines pervertierten Charakters kommt diese Energie selten in den höheren Chakren an: im vierten, um reine Liebe für seine Anhänger durch Dienst zu erfahren (z. B. das brennende Herz Jesu), im fünften, um dies kreativ auszudrücken, im sechsten, um visionär zu führen, um im siebten, um im Einklang mit der ganzen Schöpfung zu bleiben.

Das Ego ist nichts Weiteres als die Illusion der Getrenntheit. In dem Maße, wie das Ego seine Befriedigung erhält, nimmt die Identifizierung mit ihm zu und die Verbindung zum wahren Selbst wird immer schwächer. Im Zuge der Entwicklung ihrer Störung werden Sektenführer Soziopathen und dann Psychopathen. Das beinhaltet, dass sie ihre eigenen unangenehmen Gefühle durch Rationalisierung abtrennen können. Infolgedessen verdrängen sie ihren eigenen emotionalen Schmerz und ihr Leid, das nun in Form der Schmerzen und Leiden ihrer Anhänger, die von ihrem Herzen noch nicht völlig abgeschnitten sind, externalisiert wird.

Gurus sind oft Psychopathen auf hohem Funktionsniveau, die einen oberflächlichen Charme an den Tag legen, ein grandioses Selbstbild, ein Fehlen von Reue oder Empathie, mangelnde Introspektion, durchtriebenes Verhalten, Lügen, Egozentrik, einen parasitären Lebensstil und meistens auch noch sexuellen Missbrauch. Zwar werden sie von ihren Anhängern bewundert, aber ihre psychische Verfassung ist oft schlechter als die der Menschen, die sie missbrauchen. Hinter geschlossenen Türen sind sie zutiefst gequälte Wesen und greifen häufig auf die verschiedensten Süchte zurück, um die Tür zu ihrem eigenen qualvollen Gewissen geschlossen zu halten. Psychisch werden sie drangsaliert von antisozialen Störungen, Verfolgungswahn und Selbsthass.

Was brauchen sie, um zu heilen? Einen Zusammenbruch ihres Universums, wobei sich die Menschen gegen sie wenden und für ihre Taten zur Verantwortung ziehen. 1966, in meinem dritten Jahr in der Sekte, ging ich nach Russland. Der Ostblock war zusammengebrochen und das Interesse an Spiritualität war groß. Ich begann, dort Seminare mit Abendessen zu geben und große Zusammenkünfte zu den Lehren der Gruppe abzuhalten. Die Frauen waren schön und ich war jeden Tag verliebt. Mein Erfolg stieg mir zu Kopf und ich war auf bestem Wege, ein Mini-Guru zu werden. Der Sektenführer Robert Burton erfuhr von anderen, das ich mir viel zu viele Freiheiten herauskam, und als ich in die USA zurückkehrte, wurde ich getadelt und musste Strafe zahlen. Sie brachen mich, und das war das Beste, was sie tun konnten, um mein inflationäres Ego wieder zurechtzustutzen. Natürlich kam die Tatsache, dass sie mich für Handlungen bestraften, die Guru Robert hinter dem Rücken der anderen selber tat, nicht so gut bei mir an und war ein Katalysator für meinen Ausstieg.

Gewiss sind nicht alle spirituellen Lehrer Narzissten oder haben dysfunktionale, parasitäre Beziehungen zu ihren Anhängern. Für diejenigen, die spirituelle Anleitung suchen, ist es eminent wichtig, ihr kritisches Denken nicht abzuschalten, wenn sie sich einem spirituellen Lehrer nähern. Sie müssen sich folgende Fragen stellen:

  • Lebt dieser Lehrer das, was er predigt? Hält sich dieser Lehrer an die Regeln, die er lehrt?
  • Respektiert der Lehrer Sie? Geht er automatisch davon aus, dass Sie unter ihm stehen?
  • Hat er ein grandioses Selbstbild?
  • Fühlen Sie sich auf irgendeine Art von dieser Person manipuliert?
  • Fordert er eifrigen, kritiklosen Einsatz und Unterwürfigkeit unter den Anführer?
  • Wird von Fragen, Zweifeln und abweichenden Meinungen abgeraten oder werden sie sogar bestraft?
  • Ist die Gruppe elitär und nimmt für sich, ihren Anführer und ihre Mitglieder einen gehobenen Sonderstatus in Anspruch?
  • Löst die Führungsriege Scham- und/oder Schuldgefühle aus, um die Mitglieder zu beeinflussen und/oder zu kontrollieren?
  • Hält sie die Mitglieder dazu an, die Brücken zu Familie und Freunden außerhalb der Gruppe abzubrechen? Sollten oder müssen die Mitglieder mit anderen Gruppenangehörigen zusammenleben und/oder nur mit ihnen Umgang haben?
  • Wendet die Gruppe subtile Manöver an, um Ihnen ein Aussteigen zu erschweren? Bestraft sie Sie, wenn Sie aussteigen? Werden Sie geächtet, wenn Sie die Gruppe verlassen?

Wenn Sie diese Fragen zu Ihrer Zufriedenheit beantworten können, kann diese misstrauische Haltung gelockert werden, damit Sie die Belehrungen, die Sie wünschen, aufnehmen und eine offene Herzensbeziehung zu Ihrem spirituellen Lehrer aufbauen können.

– Vaillant (Ale) Gicqueau
Aus dem Original, Guru/disciple relationship dynamics and attachment traumas, übersetzt von Silke Lira Blumbach.

Über den Autor

Vaillant (Ale) Gicqueau wurde in Frankreich geboren. Er ist Absolvent der französischen Spitzeningenieurschule Ecole Centrale Paris und der UC Davis. Er hatte eine erfolgreiche Karriere im Silicon Valley, wo er ein Softwareunternehmen gründete. Der Autor ist der ehemalige Ehemann von Teal Swan. Teal ist eine Kultführerin mit vielen Hunderttausenden von Online-Anhängern. Man kann wohl sagen, dass sie eine Kultführerin des YouTube-Zeitalters ist.

Guru und Schüler – Beziehungsdynamik und Bindungstrauma
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2 Gedanken zu „Guru und Schüler – Beziehungsdynamik und Bindungstrauma

  • 10. August 2018 um 16:28
    Permalink
    BUDDHISM AND NARCISSISTS

    Here is a helpful investigation why Narcissists seem to settle well and find home in Buddhism by Sujato Bhikkhu​​:

    Why are narcissists attracted to Buddhism?

    I’m guessing that you ask this question after having had experiences with narcissists within the Buddhist community. I sympathize deeply: you are not alone. I have suffered a lot over the years from pathological narcissists in Buddhism, and it took me a long time to recognize what they were and how to deal with them.

    As for why they’re attracted to Buddhism, it’s difficult to generalize. I don’t have enough experience to say whether Buddhists tend to be more narcissistic than followers of other religions. Also, I have to assume here that you mean convert Buddhists; obviously, someone in a traditional Buddhist culture who is a narcissist is also a Buddhist by default.

    For a hilarious portrayal of Buddhist narcissism, check out Arj Barker’s “Sickest Buddhist”.

    https://youtu.be/h5XnFAcjAJY

    “I don’t know how or why I’m so zen
    I make the power of now look like the power of then”

    It’s so true it’s painful.

    As I’m not a specialist I can’t speak with any authority. But my feeling is that narcissists are attracted to the individualistic nature of secularized Buddhism. It justifies a search for their own happiness, disregarding others. Basic practices like generosity, which is the cornerstone of tradition Buddhism, are ignored.

    Instead, the narcissist does what’s called “spiritual bypassing”, pretending to themselves and others that they’re operating from a place of true compassion for all beings, when in fact they’re just an asshole.

    This is made possible by the fact that the Buddha’s teachings tend to be pitched at a very high level (at least in how they’re presented these days.) People hear about “emptiness” or “not-self” or whatever, and they misunderstand them—grasping the snake by the tail—and use them as ways of sounding wise and profound.

    I hear these kinds of things all the time. When I asked someone to help with basic monastery chores, I was told: “The Buddha spoke about liberation, not about washing up!” (FYI, the Buddha did, in fact, speak about washing up!)

    As a general rule, if you hear anyone proposing that a simple problem be solved with a profound solution, this is probably bypassing. “It’s really annoying when you chant Sanskrit mantras during the silent meditation!” “Ahh, attachment is such suffering, isn’t it? Let go, and be at peace.”

    Simple problems require simple solutions.

    The prestige of Buddhism is also a factor (and is a major draw for narcissists in traditional Buddhist cultures.)

    The lack of authority is perhaps also a draw. As a monk of many years standing, when I was running a monastery I was approached by many “helpful” people who let me know that if only I gave them control over everything they could solve all our problems. (Sound familiar?)

    Another factor is the role of the modern meditation retreat. It enables people to develop relatively peaceful and expansive states of consciousness in a short time, without ensuring any of the integrated, grounded, broad development that is essential for true spiritual growth. Such meditation experiences are almost invariably grasped with attachment. In the case of someone with narcissistic tendencies, it doesn’t take much to convince them that they’re enlightened.

    The problem is, I suspect, exacerbated further by the terrible lack of education in basic Buddhism, both in new and traditional Buddhist cultures. With the sheer mass of uncritical nonsense that is around, it’s easy for someone to convince themselves that they know, and to convince others, too.

    Here’s some unsolicited advice. Learn to identify narcissistic behavior. Don’t be in denial that it exists. Talk to people about it; get some good advice, preferably from someone with a background in psychology. While obviously we would like to help the narcissist, the reality is that it’s highly unlikely we can do anything, and we will create a lot of suffering for ourselves in the meantime. The Buddha said that some obstacles are best dealt with by avoiding them. This is a good time for that.

    If you can’t avoid, draw boundaries. Don’t try to explain or argue with them; the narcissist will just make it all about themselves. Simply say, “Please don’t do X”. And repeat. And repeat. Any emotional response is evidence, for the narcissist, of their power over you. So whatever happens, stay cool and don’t react. Just draw the line.

    https://www.quora.com/Why-are-narcissists-attracted-to-Buddhism

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  • Pingback: Guru/disciple relationship dynamics and attachment traumas (English & German) | Vaillant (Ale) Gicqueau's blog

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