Das Journal of Global Buddhism hat einen Themenschwerpunkt veröffentlicht, der auf das Heartwood/Northwestern-Symposium (Northwestern University, Chicago, USA, Oktober 2024) zurückgeht, nach Angabe der Herausgeberinnen die erste akademische Konferenz zu Buddhismus und sexuellem Missbrauch. Ich war zu dieser Konferenz eingeladen und habe vor Ort teilgenommen; die Beiträge kenne ich daher noch aus eigenem Erleben.

Herausgegeben von Ann Gleig, Sarah Jacoby und Amy Paris Langenberg, versammelt der Schwerpunkt sieben Beiträge, die Wissenschaft und Betroffenenperspektive bewusst zusammenführen. Alle Texte sind frei zugänglich (Open Access, CC BY 4.0):
- Editors’ Introduction (Gleig, Jacoby, Langenberg): Rahmung des Symposiums und Plädoyer für eine „survivor-centered“ (Betroffenen-zenrierte) Buddhismusforschung
- Sacred Spaces, Silent Suffering (Karma Tashi Choedron, Tenzin Dadon): zwei Vajrayāna-Ordinierte untersuchen von innen, wie „pure perception“ (Reine Sicht) und steile Hierarchien Missbrauch begünstigen können
- Sexual Abuse in the Buddhist Monastery (Namal Rathnayake): zu sexuellem Missbrauch an Kindern in Klöstern in Sri Lanka (siehe unten ausführlicher)
- Survivors’ Roundtable (Bernstein, Pilfrey, DeVane, Modaro, Montgomery, Floy): fünf Betroffene sprechen in erster Person über Schaden und Wege der Heilung
- Deconstructing Demoness (Somtsobum Khyung): eine tibetologische Lektüre der Tsepongza-Erzählung und ihrer misogynen Muster des Nicht-Glaubens
- The Good, The Bad and the Ugly (Carol Merchasin): eine Anwältin über Möglichkeiten und Grenzen des Zivilrechts für Betroffene
- What Can Buddhist Studies Offer Survivors? (Cape, Finnegan, Gleig, Jacoby, Langenberg): Runder Tisch zur Verantwortung des Fachs.
Zum Heft: https://www.globalbuddhism.org/issue/view/845
Kindesmissbrauch in den Klöstern Sri Lankas (Namal Rathnayake)
Dieser Beitrag verdient aus meiner Sicht besondere Aufmerksamkeit, weil er ein weithin unbeleuchtetes Thema betrifft. Rathnayake lebte zwanzig Jahre als buddhistischer Mönch in Sri Lanka und arbeitet heute als Psychotherapeut. Er verbindet seine eigene Erfahrung mit den Ergebnissen seiner Doktorforschung (Canterbury Christ Church University) und untersucht die Praxis der Kinderordination.
Zum Hintergrund: Nach den von ihm zitierten Zahlen gibt es in Sri Lanka über 12.000 Klöster, davon 753 sogenannte Pirivenas, internatsartige Ausbildungsklöster mit je 15 bis 150 Novizen. Kinderordination ist die wichtigste Form der Rekrutierung, und häufig würden Kinder aus einkommensschwachen ländlichen Familien dafür ausgewählt. Anders als in anderen Theravada-Ländern gelte in Sri Lanka die Ordination des Kindes als lebenslang, weshalb ein Austritt als Verrat, moralisches Versagen und unheilvoll empfunden werde. Wer gehe, trage oft eine Last der Scham und verberge seine klösterliche Vergangenheit.
Für seine Fallstudie interviewte er vier Betroffene, drei ranghohe Mönche und drei Kinderschutzbeauftragte. Schon der Zugang sei schwierig gewesen: Die National Child Protection Authority und die zuständige Behörde hätten fast ein Jahr bis zu einer Reaktion gebraucht, einige regionale Verantwortliche hätten eine Zusammenarbeit unter Verweis auf religiöse Sensibilitäten abgelehnt, viele Mönche ein Interview verweigert.
Die vier ehemaligen Mönche berichteten von wiederholtem sexuellem Missbrauch durch ranghöhere Mönche, einschließlich des Lehrers (āchariya). Sie hätten den Eindruck gehabt, Missbrauch sei „ubiquitous and had become normalized“ (allgegenwärtig und normalisiert). Drei befragte Senior-Mönche hätten eingeräumt, dass der Reflex bei Vorfällen stets sei, sie zu vertuschen, um den Ruf der Linie zu schützen. Rathnayake ordnet dies in ein Muster aus „denial, deflection, dismissal, and minimization“ ein, das den Befunden der großen Untersuchungskommissionen in Großbritannien (IICSA) und Australien entspreche.
Besonders verstörend ist seine Beobachtung eines „pervasive sexual undercurrent“ bei der Auswahl der Kinder, teils nach körperlichen Merkmalen. Es kursieren Redewendungen, die eine klösterliche Sexualkultur stillschweigend anerkennen, etwa das Sprichwort, Schiffe hinterließen keine Spur auf dem Wasser. Selbst der Laiengemeinschaft sei nicht völlig verborgen, dass Kinder zu „sexual servants to abbots“ (sexuellen Dienern von Äbten) werden könnten. Er schildert zwei Äbte, die straflos agiert hätten, von denen einer Novizen gezielt herangezogen und jene, die sich verweigerten, aus dem Kloster entfernt habe.
Zu den Langzeitfolgen berichtet er von zwei Betroffenen, heute Anfang vierzig, die als frühe Teenager missbraucht wurden: beide alleinstehend, beide mit problematischem Verhältnis zu Alkohol, ihre Verbindung zur Spiritualität scheine dauerhaft zerbrochen. Aus seiner eigenen Studienkohorte nennt er eine konkrete Zahl: Von 63 Mönchen, die begannen, seien bis zum Studienende nur etwa 15 in Robe geblieben. Sein Fazit ist deutlich: Kinder sollten nicht ordiniert werden, denn die Art, wie das Mönchtum in Sri Lanka praktiziert werde, sei „a burden on the nation’s most vulnerable children“ (eine Last für die verletzlichsten Kinder des Landes) geworden.
Ein weiterer Befund betrifft das Versagen der staatlichen Schutzaufsicht: Rathnayake hält fest, dass gesellschaftliche Ehrerbietung und die Machtstellung der Klosterleitung eine externe Schutzaufsicht abschreckten („social deference and power associated with monastic leadership deter external safeguarding oversight“), und spricht von Lücken in der Kinderschutzpolitik. Bemerkenswert: Die von ihm befragten Kinderschutzbeauftragten forderten keine neuen Sonderregeln für Klöster, sondern lediglich, dass die bestehenden Schutzgesetze „ohne kulturell begründete Sonderbehandlung der Klöster“ angewandt werden. Die Gesetze existieren also – sie werden auf Klöster nur nicht angewandt. Auf der Konferenz machte er das, soweit ich mich erinnere, konkret: Wer in Sri Lanka im pädagogischen Bereich oder in der Kinderbetreuung arbeitet, muss seine Eignung für die Arbeit mit Kindern nachweisen – auf Äbte und die für Novizen verantwortlichen Mönche werden solche Prüfungen jedoch nicht angewandt, weil eine solche Kontrolle als unangemessen gilt.
Ein Detail, das mir als Teilnehmer der Konferenz in Erinnerung geblieben ist und das so nicht im schriftlichen Beitrag steht: Am Ende seines Vortrags fasste Rathnayake seine Forschung mündlich mit dem Satz zusammen, „a whole generation of monks has been spoiled“ (eine ganze Generation von Mönchen sei geschädigt worden). Dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben, weil er die statistischen Befunde in ein einziges, bitteres Bild fasst.
Weiterführende Links: Missbrauch in buddhistischen Klöstern
- Monastic Child Abuse in Vajrayana Buddhism – Reevaluating my Faith – Child Survivors (Juli 2026): Dawn Boiani, Betroffene und langjährige Vajrayana-Praktizierende, reflektiert, wie Samaya-Gelübde und eine Kultur der Geheimhaltung Kritik an Missbrauch in Klöstern zum Schweigen bringen. Sie bleibt als Stimme der Reform: Nicht wer Missbrauch benennt, bricht Samaya – sondern wer schweigt.
- Bhutan’s Buddhist monks accused of sexually molesting boys – The Washington Post (Juni 2013): Bericht über Missbrauchsvorwürfe gegen buddhistische Mönche in Bhutan
- Clerical abuse in SL: Subject chief incumbents to child protection background checks – The Morning (Sri Lanka): Bericht zu Missbrauch durch buddhistische Mönche in Sri Lanka
- Child Abuse Claims Made Against Nearly 300 Sri Lankan Buddhist Monks in Last Three Years – OCCRP (Mai 2026): Recherche der Organized Crime and Corruption Reporting Project; laut National Child Protection Authority wurden binnen drei Jahren Vorwürfe gegen 285 Mönche erhoben, über 70 Prozent davon wegen Sexualdelikten
Zum Beitrag von Carol Merchasin
Merchasin schildert ihre Arbeit als Anwältin, die über etwa sechs Jahre Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens in amerikanischen buddhistischen (und Yoga-)Gemeinschaften untersucht hat. Ihr Ausgangspunkt: Sie kam aus der Aufklärung von Missbrauch in der Unternehmenswelt und war überzeugt, buddhistische Organisationen würden bei klaren Befunden sofort handeln. Das Gegenteil sei der Fall gewesen. Ihr wohl meistzitierter Satz:
„corporate America is doing better dealing with sexual misconduct in its midst than Buddhist America.“
(Sinngemäß: Die Unternehmenswelt geht mit sexuellem Fehlverhalten in den eigenen Reihen besser um als das buddhistische Amerika.)
Sie ordnet ihre Erfahrungen in drei Kategorien, „the Ugly, the Bad and the Good“. Zur strukturellen Voreingenommenheit verweist sie darauf, dass fast sechzig Prozent der Richter an Staatsgerichten ältere weiße Männer seien, obwohl diese nur rund dreißig Prozent der Bevölkerung ausmachten. Besonders anschaulich ist ihr Beispiel zur Änderungsresistenz: In einem Vergleich habe man vom Vorstand lediglich verlangt, einen zweistündigen „Healthy Boundaries“-Kurs für 50 Dollar zu besuchen. Man habe sich geweigert, und es habe kein Mittel gegeben, dies zu erzwingen.
Trotz allem endet sie zuversichtlich: Der Rechtsweg könne heilend wirken, etwa durch das Gefühl, gehört und geglaubt zu werden.
Quelle aller Beiträge: Journal of Global Buddhism, Vol. 27, No. 1 (2026), Open Access unter CC BY 4.0. Englische Originalzitate mit sinngemäßer Übersetzung.

