Yangsi Rinpoche, die FPMT und der Fall Stafford: Wie wird die Organisation diesmal reagieren?

Vor zwei Tagen hat Willamette Week zwei ausführliche Investigativberichte über weitere Missbrauchsvorwürfe innerhalb der FPMT (Foundation for the Preservation of the Mahayana Tradition) veröffentlicht.

Was wurde berichtet?

Im Mittelpunkt steht Yangsi Rinpoche (bürgerlicher Name: Kesang Tuladhar), langjähriger Präsident und spiritueller Leiter des Maitripa College in Portland, Oregon — einer staatlich akkreditierten Hochschule mit Abschlüssen in angewandtem Buddhismus, die zugleich als religiöses Zentrum fungiert. Sunitha Bhaskaran, eine frühere Studentin und Mitarbeiterin des Colleges, beschreibt eine fünfjährige sexuelle Beziehung (2015–2021), die sie als aufgezwungen und zeitweise körperlich schmerzhaft erlebt habe. Sie wirft Yangsi Rinpoche vor, seine Stellung als Guru genutzt zu haben, um diese Kontakte als religiöse Pflicht oder tantrische Praxis darzustellen. Yangsi Rinpoche und Maitripa bestreiten die Vorwürfe — dennoch schlossen sie 2025 einen vertraulichen außergerichtlichen Vergleich mit Bhaskaran.

Infolge einer formellen Beschwerde bei der FPMT, eingereicht von Bhaskaran gemeinsam mit einer weiteren früheren Studentin, wurde Yangsi Rinpoche im März 2026 von allen Lehrtätigkeiten an FPMT-Zentren suspendiert. Eine externe Untersuchung ist im Gange.

Der institutionelle Kontext: Die FPMT und das Muster

Was diese Berichte besonders beunruhigend macht, ist nicht allein der Einzelfall, sondern das erkennbare Muster. Schon 2019 wurden gegen den FPMT-Lehrer Dagri Rinpoche multiple Vorwürfe sexueller Übergriffe erhoben — Vorfälle, die nach Aussage der Betroffenen bereits lange zuvor intern gemeldet worden waren, ohne dass die FPMT reagiert hätte. Eine extern in Auftrag gegebene Untersuchung durch das FaithTrust Institute bestätigte die Vorwürfe gegen mindestens fünf Frauen und kritisierte explizit die strukturellen Defizite in Governance und Aufsicht der FPMT. Dagri Rinpoche wurde erst nach erheblichem öffentlichem Druck dauerhaft von der Lehrerliste gestrichen, angetrieben durch das Nonnen-Kollektiv TARA-SOS, eine Change.org-Petition und — um ein breiteres Publikum zu erreichen — einen Beitrag auf meinem englischsprachigen Blog, der eine unabhängige öffentliche Untersuchung forderte. (siehe: Petition To the FPMT Board of Directors by Senior Buddhist Nuns, 2019/05/16)

Besonders aufschlussreich war die damalige Reaktion des FPMT-Spiritual Directors Lama Zopa Rinpoche: Als Bedenken geäußert wurden, warnte er  schriftlich, dass das bloße negative Denken über den eigenen Guru zur Wiedergeburt in der Hölle führe. Diese Logik wird nicht einfach zynisch von oben eingesetzt. Im Fall von Lama Zopa Rinpoche war er allem Anschein nach ein aufrichtiger und tief überzeugter Anhänger der Guru-Devotion, geprägt durch seine eigenen Lehrer und seine Linie. Diese Überzeugung, so aufrichtig sie auch gewesen sein mag, mindert ihre Konsequenzen nicht — sie erklärt möglicherweise sogar, warum die Kultur des Schweigens im tibetischen Buddhismus so weit verbreitet ist. Diese Stille wird zusätzlich durch ein tief verwurzeltes kulturelles Tabu gestützt, buddhistische Lehrer in asiatischen Kulturen zu kritisieren.

Der Fall Stafford: Eine Zusammenfassung

Stafford v. Foundation for the Preservation of the Mahayana Tradition, Inc. et al (eingereicht im November 2025, U.S. District Court, Eastern District of North Carolina) ist eine Zivilklage der heute 25-jährigen Madeleine Stafford gegen die FPMT sowie zwei angeschlossene Zentren — das Kadampa Center in North Carolina und das Milarepa Center in Vermont, wobei letzteres inzwischen freiwillig aus dem Verfahren ausgeschieden ist. Die FPMT bleibt die zentrale Beklagte und sieht sich den schwerwiegendsten Vorwürfen der Mithaftung für Körperverletzung, sexuellen Übergriff und bundesrechtlichen Menschenhandel gegenüber.

Stafford begegnete der FPMT erstmals 2008 als achtjähriges Kind, als ihre Familie einem FPMT-angeschlossenen Zentrum in Massachusetts beitrat. Innerhalb von zwei Jahren hatten hochrangige FPMT-Vertreter — darunter Lama Zopa persönlich — sie als „Tulku“ ausgezeichnet, als Wiedergeburt eines erleuchteten Wesens, und ihr damit Prominentenstatus innerhalb der Organisation sowie Zugang zu Räumen verschafft, die gewöhnlichen Mitgliedern verschlossen waren.

Die Klage legt dar, dass dieser erhöhte Status systematisch ausgenutzt wurde. Sangpo Sherpa, der persönliche Assistent von Lama Zopa, missbrauchte Stafford über sechs Jahre hinweg wiederholt, beginnend als sie zehn Jahre alt war, bei jährlichen FPMT-Retreats in North Carolina. Diese Übergriffe fanden an einem abgelegenen Aussichtspunkt nahe Lama Zopas Privatcabin statt. Die Klage behauptet, dass hochrangige FPMT-Vertreter, darunter der CEO der Organisation, mehrfach beobachteten, wie Sangpo und Stafford gemeinsam in den Wald verschwanden, ohne einzugreifen. Ein zweiter FPMT-Mitarbeiter, Tenzin Gyaltsen, Assistent von Dagri Rinpoche, beging 2011 einen Übergriff auf Stafford in einem öffentlichen Flur des Milarepa Centers in Vermont – vor den Augen anderer FPMT-Mitglieder, die ebenfalls nicht einschritten.

Die Klage dokumentiert institutionelles Versagen auf allen Ebenen. Die FPMT hatte bereits seit 2008 glaubwürdige Vorwürfe gegen Dagri Rinpoche erhalten, gewährte ihm und seinen Assistenten jedoch weiterhin uneingeschränkten Zugang zu Mitgliedern, einschließlich Minderjährigen. Lama Zopa verhöhnte öffentlich jene, die Kindesmissbrauch ansprachen, erklärte Opfern, ihr Leid sei die Folge ihres eigenen schlechten Karmas, und forderte seine Anhänger auf, Dagris Lehren ungeachtet der Vorwürfe zu „erfreuen“. Als Staffords Mutter den Missbrauch 2019 schließlich dem FPMT-CEO Roger Kunsang meldete, erkannte dieser zwar die Ernsthaftigkeit der Vorwürfe an, schob die Verantwortung jedoch auf einzelne Zentren ab obwohl FPMTs eigene veröffentlichte Ethikrichtlinie allen Personen in Autoritätspositionen im gesamten Netzwerk klare Pflichten auferlegt. Kurz nach dem Bericht wurde Staffords Mutter von ihrer FPMT-Position entlassen. Laut der Zivilklage handelte es sich dabei um eine direkte Vergeltungsmaßnahme dafür, dass sie den Missbrauch ihrer Tochter gemeldet hatte.

Die beschriebenen Schäden sind gravierend. Stafford begann mit zwölf Jahren, sich selbst zu verletzen, wurde mit PTBS und bipolarer Störung diagnostiziert, litt unter akustischen Halluzinationen, konnte ihre Ausbildung nicht abschließen und keine Arbeitsstelle halten, und wurde 2023 aufgrund von Suizidgedanken hospitalisiert. Die Klage behauptet zudem, dass die FPMT sie aktiv davon abhielt, psychologische Hilfe zu suchen, und sie stattdessen an Lama Zopa für spirituelle Heilmittel verwies.

Die Klage umfasst Ansprüche nach dem Common Law von North Carolina und Vermont — Körperverletzung, Fahrlässigkeit, grobe Fahrlässigkeit, vorsätzliche Zufügung emotionalen Leids, Verletzung treuhänderischer Pflichten — sowie nach bundesrechtlichen Menschenhandelsgesetzen (18 U.S.C. §§ 1591, 1594, 1595). Die Kläger argumentieren, dass die Stafford gewährten spirituellen Privilegien die „Gegenleistung“ in einem Menschenhandelsarrangement darstellten. Die FPMT bestreitet die Vorwürfe. Der Fall ist anhängig.¹

Guru-Devotion als Mittel zur Kontrolle und zum Missbrauch von Schülerinnen und Schülern

Wer sich in tibetisch-buddhistischen Kreisen bewegt, wird die Dynamik in all diesen Fällen wiedererkennen: Die Betonung von Guru-Devotion — die Lehre, dass der Guru als vollständig erleuchtet zu betrachten sei und jede seiner Handlungen als heilsam — schafft strukturell eine Situation, in der Widerspruch nicht nur schwierig, sondern spirituell sanktioniert wird. Früheren Maitripa-Studierenden zufolge stand das gesamte College unter diesem Vorzeichen, und Yangsi Rinpoche soll Guru-Devotion selbst als zentrales Thema seiner Lehren behandelt haben.

Sunitha Bhaskaran hat diesen Mechanismus klar benannt: Sie habe die sexuellen Kontakte nicht aktiv abgelehnt, weil sie das Gefühl hatte, keine Wahl zu haben — nicht aufgrund physischer Gewalt, sondern aufgrund des spirituellen Machtgefälles und der kulturellen Erwartungen, die das Umfeld erzeugte.

Im Fall Stafford wurde diese Logik auf ein Kind angewendet, doch die Nötigung erstreckte sich auch auf ihre Eltern. Eine Zeugin, die ähnliche Fälle anderer Kinder kennt, die von Lama Zopa als Tulkus ausgezeichnet wurden, beschreibt ein wiederkehrendes Muster: Mütter wurden dazu gebracht, sich egoistisch zu fühlen, wenn sie ihre Kinder bei sich behalten wollten; sie wurden als unwissend dargestellt im Vergleich zur Weisheit der Lamas und Mönche; sie wurden dazu gebracht zu glauben, sie wüssten nicht, was das Beste für ihr Kind sei, und dass die Übergabe an einen Dharma-Kontext absolut im Interesse des Kindes liege. Ihre Unsicherheiten als Eltern, Unsicherheiten, die jede Mutter und jeder Vater kennt, wurden gezielt angesprochen und ausgenutzt. Einer Mutter sagte Lama Zopa, ihr kleiner Sohn werde sterben, wenn er nicht ins Kloster geschickt werde; sie weinte, als sie davon erzählte. Es sei darauf hingewiesen, dass solche Warnungen nicht auf Lama Zopa beschränkt sind, diese Art von Druck auf Eltern war unter älteren tibetischen Lamas weit verbreitet und ist heute glücklicherweise seltener zu hören. Innerhalb der FPMT war diese Dynamik jedoch kein Einzelfall, sondern ein in mehreren Fällen reproduziertes Muster.

Dieser Kontext macht die juristische Strategie der FPMT, die Verantwortung auf Staffords Mutter abzuwälzen, besonders schwer nachvollziehbar. Er wirft auch ernsthafte Fragen an die Behauptung auf, die Zentrale habe keinen Einfluss auf das gehabt, was in einzelnen Zentren geschah — angesichts der Tatsache, dass Zentrumsdirektoren routinemäßig Roger Kunsang und Lama Zopa in Entscheidungen konsultierten und zentrale Weisungen in der Praxis weitreichend waren.

Dies ist eine Form von Nötigung, die traditionelle Rechtsrahmen nur schwer erfassen können: Sie operiert nicht durch physische Gewalt, sondern durch die verinnerlichte Autorität des Lehrers, die Angst vor spirituellen Konsequenzen, den sozialen Druck einer geschlossenen Gemeinschaft und, wie diese Fälle nahelegen mögen, durch die systematische Manipulation ganzer Familien. Sie konnte und wurde auf höchster institutioneller Ebene ermöglicht. Um zu verstehen, wie das in der Praxis funktionierte, muss man auch diejenigen in den Blick nehmen, die den Kindern am nächsten waren — ihre Eltern.

Dies mindert die institutionelle Verantwortung der FPMT in keiner Weise. Es verweist jedoch auf etwas, das sorgfältig benannt werden sollte: Eltern in spirituellen Gemeinschaften sind besonders anfällig für Manipulation — eine Anfälligkeit, die ihre Kinder einem besonderen Risiko aussetzen kann. Eltern von Kindern, die als besonders oder als Tulku ausgezeichnet werden, werden oft dazu gebracht zu glauben, dass das, was sie als Eltern bieten können, dem überlegenen Potenzial ihres Kindes nicht gerecht wird. Ihr Vertrauen in die überlegenen Fähigkeiten der religiösen Autoritäten und die Unsicherheiten, die jede Mutter und jeder Vater kennt, werden von Institutionen und Einzelpersonen, die Kontrolle über Kinder anstreben, bewusst ausgenutzt. Diese Manipulation ist real und sollte nicht verharmlost werden.

Sie beraubt Kinder jedoch genau des elterlichen Schutzes, der ihre beste Hoffnung vor Übergriffen sein sollte.

Mit dem Bewusstsein für diese Dynamiken müssen Eltern und andere Erwachsene in spirituellen Gemeinschaften Fragen stellen, die zu selten gestellt werden. Wurden die Erwachsenen, die mit Kindern arbeiten, auf ihre Eignung überprüft? Wie viele Erwachsene beaufsichtigen die Kinder? Wissen Eltern jederzeit, wo sich ihr Kind befindet und mit wem? Der hier dokumentierte Fall betrifft ein Kind, das allein mit erwachsenen Männern durch Wälder spazierte, während andere Erwachsene vorbeigingen und nichts sagten — und während ein Elternteil bei denselben Veranstaltungen anwesend war.

Organisationen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Und Eltern können auch dazu ermutigt werden zu erkennen, wie ihre Hingabe ihre Kinder besonders anfällig für Übergriffe macht — nicht um Schuld abzuwälzen, sondern weil Bewusstsein dazu beitragen kann, Kinder in Umgebungen zu schützen, in denen institutionelle Rechenschaftspflicht bereits versagt hat. Menschen, die in anderen hochkontrollierten religiösen Gemeinschaften aufgewachsen sind, etwa bei ISKCON, haben genau diesen Punkt gemacht: Sie halten die Institution für verantwortlich — und sie wünschen sich, dass die schädlichen Folgen der bedingungslosen Hingabe ihrer Eltern früher benannt, verstanden und ihr widerstanden worden wäre.

„Buddha is a person too!“ — Artwork by Carol McQuire, cult survivor and artist

Was jetzt?

Die laufenden Untersuchungen — sowohl die externe Prüfung der FPMT als auch das Bundesgerichtsverfahren in North Carolina — sind weiter zu verfolgen. Es bleibt abzuwarten, ob die FPMT den strukturellen Reformen, zu denen sie sich nach dem Dagri-Rinpoche-Fall verpflichtet hatte, tatsächlich Substanz verleihen wird oder ob wir erneut gut gemeinte Absichtserklärungen ohne echte Rechenschaftspflicht erleben werden. Die Untersuchung des FaithTrust Institute nach dem Dagri-Skandal kam bereits zu dem Schluss, dass die Kultur der FPMT es Betroffenen sehr schwer machte, sich gehört und unterstützt zu fühlen, dass die Führung ihre Verantwortung nicht erkannte und dass dort, wo Informationen vorlagen, keine schnellen oder wirksamen Maßnahmen ergriffen wurden. Die aktuelle Situation gibt keinen Anlass zu der Annahme, dass sich daran grundlegend etwas geändert hat.

Sunitha Bhaskaran hat ihre Entscheidung, an die Öffentlichkeit zu gehen, so begründet: Sie habe lange gezögert, um den Dharma nicht zu beschädigen. Inzwischen sieht sie das anders: Die Offenlegung hilft dem Buddhismus, sie beschädigt ihn nicht. Der Dalai Lama selbst habe gesagt, der Buddhismus habe 2500 Jahre überlebt, da brauche man sich keine Sorgen zu machen.

Das ist eine reife Haltung. Die Institutionen, die solche Übergriffe ermöglicht oder verschwiegen haben, können sich dasselbe Vertrauen in die Robustheit des Dharma nicht einfach leihen, um sich selbst der Rechenschaftspflicht zu entziehen.


UPDATE — 7. JUNI 2026: Untersuchungsbericht wird der Betroffenen vorenthalten

Seit der Veröffentlichung dieses Artikels hat eine Leserin Korrespondenz weitergeleitet, die neues Licht auf den Umgang von Maitripa College mit dem Fall Sunitha Bhaskaran wirft. Die Korrespondenz wurde mit ihrer ausdrücklichen Genehmigung geteilt. E-Mail-Adressen wurden auf Wunsch der weiterleitenden Person entfernt.

Im Mai 2026 schrieb Dr. Namdrol Miranda Adams — Präsidentin und Chief Academic Officer des Maitripa College — an Sunitha, als Antwort auf ihre Anfrage bezüglich eines Untersuchungsberichts, den die Anwältin Carol Merchasin im Jahr 2021 erstellt hatte. Die E-Mail offenbart zwei Dinge, die eine genaue Betrachtung verdienen.

Erstens hatte das Maitripa College Sunitha zunächst mitgeteilt, dass das einzige vorhandene Dokument ein Memo sei — eines, das nicht von Merchasin verfasst worden war. Inzwischen wurde bestätigt, dass ein vollständiger schriftlicher Bericht tatsächlich existiert. Mit anderen Worten: Der Betroffenen wurden unvollständige Informationen darüber gegeben, welche Dokumentation ihres eigenen Falls von der Institution verwahrt wird.

Zweitens weigert sich das Maitripa College nun, diesen Bericht an Sunitha herauszugeben — mit der Begründung, es handle sich um ein vertrauliches und privilegiertes Dokument. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist eine einfache: Privilegiert für wen? Es handelt sich um eine Untersuchung, die als Reaktion auf Vorwürfe eines erlittenen Schadens durchgeführt wurde — und sie wird der Person vorenthalten, die diesen Schaden erlitten hat.

Der E-Mail-Austausch ist nachfolgend wiedergegeben.

Von: Namdrol Miranda Adams
Datum: Montag, 4. Mai 2026, 9:56 Uhr
Betreff: Klarstellung
An: Sunitha Bhaskaran
Cc: Pam Cayton, Mark Waller

Liebe Sunitha,
ich schreibe Ihnen, um auf Ihre Anfrage bezüglich Carol Merchashins Untersuchungsbericht aus dem Jahr 2021 zurückzukommen. Als Sie anfragten, waren wir der Überzeugung, dass das einzige uns vorliegende Dokument ein Memo sei (das nicht von Carol verfasst wurde), und dieses haben wir Ihnen zur Verfügung gestellt. Wir haben nun bestätigt, dass Carol einen schriftlichen Bericht geliefert hat, den wir Ihnen jedoch nicht aushändigen können, da es sich um ein vertrauliches und privilegiertes Dokument handelt.

Es tut uns leid, falls dies eine Enttäuschung darstellt. Vielen Dank.
~Namdrol

Ein weiteres Detail verdient es, ausdrücklich benannt zu werden. Dr. Namdrol Miranda Adams, die den Brief unterzeichnete, in dem die Herausgabe des Berichts verweigert wird, bekleidet derzeit folgende Positionen:

  • Bei Maitripa College: Präsidentin und Chief Academic Officer
  • Innerhalb der FPMT: Präsidentin/Vorsitzende des FPMT-Regionalvorstands Nordamerika; Kernmitglied des FPMT-Teams zur Verbesserung der Richtlinien zum Schutz vor Missbrauch (Nordamerika — Mitglied seit Frühjahr 2025)

Die Person, die sich weigert, einen fünf Jahre alten Untersuchungsbericht an die Betroffene selbst herauszugeben, ist gleichzeitig Mitglied des Gremiums, dessen erklärter Zweck es ist, die FPMT-Richtlinien zum Schutz vor Missbrauch zu verbessern. Diese Kombination von Rollen wirft ernsthafte Fragen zur Unabhängigkeit dieses Prozesses auf — und dazu, ob die beteiligten Institutionen tatsächlich auf Rechenschaftspflicht ausgerichtet sind oder lediglich auf deren Verwaltung.

Hinzu kommt, dass das Maitripa College offenbar auch gegen die eigenen Richtlinien der FPMT verstoßen haben könnte. FPMTs Protecting from Abuse Policy — zuletzt aktualisiert im März 2021 — legt ausdrücklich fest, dass FPMT-Mitgliedsorganisationen verpflichtet sind, alle Materialien im Zusammenhang mit Missbrauch und den ergriffenen Maßnahmen an FPMT Centre Services sowie an die zuständige Regional- oder Nationalkoordinatorin weiterzuleiten. Der Untersuchungsbericht von Carol Merchasin fällt eindeutig unter diese Beschreibung. Sollte Maitripa diesen Bericht den zuständigen FPMT-Stellen nicht übermittelt haben, stünde dies möglicherweise im Widerspruch zu den Missbrauchsschutzrichtlinien der Organisation — und würde ernsthafte Fragen über die Eignung des Maitripa College als FPMT-Mitgliedsorganisation aufwerfen.

Die Leserinnen und Leser sind eingeladen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.


Update — 10. Juni 2026: Die Zusammenfassung vom Dezember 2021

Ein Leser hat auf meinem englischsprachigem Blog gefragt, ob die Belege mehr sind als „Hörensagen“ (hearsay). Diese Frage wird in einem extra Kommentar im Kommentarabschnitt dieses Blogs ausführlich beantwortet. Ein Dokument, das inzwischen vorliegt, verdient jedoch an dieser Stelle besondere Erwähnung.

Die von Maitripa College erstellte Zusammenfassung der Untersuchung von Rechtsanwältin Carol Merchasin aus dem Jahr 2021 — datiert auf den 8. Dezember 2021 — wurde für diesen Beitrag eingesehen. Sie stützt Sunitha Bhaskarans Darstellung in mehreren konkreten Punkten.

Die Ermittlerin kam zu dem Schluss, dass die Beteiligten in einer „nicht offengelegten intimen, sexuellen Beziehung” gestanden hatten — „ein Verstoß gegen die Richtlinie des Maitripa College zu einvernehmlichen Beziehungen” — und hielt ausdrücklich fest, dass „der Beweisstandard in diesem Zusammenhang niedriger ist als in einem Gerichtsverfahren, die Beweise für eine Beziehung jedoch solide waren.” Dieser Befund gilt trotz der Tatsache, dass Yangsi Rinpoche eine sexuelle Beziehung kategorisch bestritt.

Das Dokument verzeichnet ferner, dass Yangsi Rinpoche „eine wahrscheinliche unangemessene Grenzüberschreitung einräumt, durch die der Beschwerdeführerin Schaden entstanden ist” — und dass er als Mittel zur Beilegung der Angelegenheit eine formelle „Vergebungszeremonie” beantragte. Dieser Wunsch ist, gelesen im Licht von Bhaskarans Darstellung, unter Druck zur vorzeitigen Versöhnung gedrängt worden zu sein, kein peripheres Detail. Er ist institutioneller Kontext.

Es sei darauf hingewiesen, dass das, was Maitripa College Bhaskaran unter Berufung auf Vertraulichkeit verweigert hat, nicht diese Zusammenfassung ist, sondern der vollständige investigative Bericht von Carol Merchasin, auf dem sie basiert. Dieser Bericht wurde als Reaktion auf ihre Beschwerde erstellt. Sie hat ihn nicht gesehen.


Update — 10. Juni 2026: FPMT-Vorstand veröffentlicht Stellungnahme

Der FPMT Inc. Board hat heute eine Stellungnahme veröffentlicht, die auf die Berichterstattung der Willamette Week und die laufenden Fälle um Yangsi Rinpoche sowie die Stafford-Klage eingeht.

Zum Stafford-Fall erklärt die FPMT, ihre Untersuchung habe die Vorwürfe als „nicht substantiiert” befunden, und bestätigt im selben Atemzug, dass ein Vergleich geschlossen wurde. Diese beiden Aussagen stehen nebeneinander, ohne dass der Widerspruch aufgelöst wird.

Zum Fall Yangsi Rinpoche erklärt die FPMT, sie sei seinerzeit von Maitripa College über die Beschwerden und deren Ergebnis informiert worden und habe die Angelegenheit als abgeschlossen betrachtet. Erst als Bhaskaran sich direkt an das FPMT International Office wandte, wurde eine unabhängige externe Überprüfung in Auftrag gegeben. Mit anderen Worten: Es war die Hartnäckigkeit der Betroffenen selbst, nicht institutionelle Initiative, die diesen Schritt auslöste.

Die Stellungnahme geht nicht darauf ein, warum viereinhalb Jahre vergingen, ohne dass weitere Maßnahmen ergriffen wurden, obwohl die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung vorlagen. Sie geht nicht auf die Rolle von Dr. Namdrol Miranda Adams ein, die die Herausgabe des Merchasin-Berichts an Bhaskaran verweigerte, während sie gleichzeitig im eigenen Missbrauchsschutz-Verbesserungsteam der FPMT tätig war. Und sie befasst sich nicht mit der Frage, ob Maitripa College gegen die eigene Protecting from Abuse Policy der FPMT verstoßen hat, indem die Untersuchungsunterlagen nicht an FPMT Centre Services weitergeleitet wurden.

Was die Stellungnahme bietet, ist Verfahrenssprache: laufende Überprüfungen, Verbesserungen der Richtlinien und Zusicherungen des Engagements. Ob diese Prozesse zu echter Rechenschaftspflicht führen, oder lediglich zu deren sorgfältigem Management, bleibt abzuwarten.


Update — 11. Juni 2026: Eine persönliche Verbindung zwischen Yangsi Rinpoche und Namdrol Miranda Adams

Eine weitere Einzelheit ist nun aus zuverlässiger Quelle bekannt geworden. Sowohl Yangsi Rinpoche als auch Dr. Namdrol Miranda Adams waren zuvor ordiniert und lebten gemeinsam als Ordensleute im Deer Park Buddhist Center. Beide legten die Robe ab und schlossen sich kurz darauf zusammen, um Maitripa College zu gründen.

Das ist keine periphere biografische Fußnote. Es bedeutet, dass die Person, die die E-Mail unterzeichnete, der Sunitha Bhaskaran den Zugang zum Merchasin-Bericht verweigerte, eine jahrzehntelange persönliche Geschichte mit der Person teilt, um die es in genau diesem Bericht geht — eine Geschichte, die Maitripa College zeitlich weit vorausgeht. Was bereits auf institutioneller Ebene ein klarer Interessenkonflikt war, geht in diesem Licht weit über einen professionellen Interessenkonflikt hinaus.


Update — 13. Juni 2026: FPMT streicht Schlüsselaussagen — ohne Erklärung

Die ursprüngliche Erklärung der FPMT vom 10. Juni bezeichnete die Stafford-Vorwürfe als „unbegründet“ (unsubstantiated) und behauptete gleichzeitig, ein außergerichtlicher Vergleich sei erzielt worden.

Beides zusammen war rechtlich und sachlich schwer zu verteidigen: Organisationen schließen keine Vergleiche in Fällen, die sie für haltlos halten. Die ursprüngliche Erklärung machte diese Spannung noch sichtbarer, indem sie den Vergleich als Ausdruck eigener Werte und Empathie rahmte und darauf hinwies, er mache die FPMT zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Ressourcen („a good steward of our resources“) — ein offen finanzielles Argument, das sich schlecht mit der gleichzeitigen Behauptung verträgt, die Vorwürfe seien nicht stichhaltig gewesen.

Darüber hinaus enthalten außergerichtliche Vergleiche in der Regel Nichtverunglimpfungsklauseln, die beiden Parteien untersagen, Aussagen zu machen, die die Glaubwürdigkeit der jeweils anderen Seite untergraben. Ob eine solche Klausel hier relevant ist, bleibt offen — denn die aktualisierte Erklärung wirft eine weitere Frage auf.

Die FPMT hat ihre Erklärung am 12. Juni still und leise überarbeitet: Das Wort „unbegründet“ wurde gestrichen, und der gesamte Absatz zum North Carolina-Fall wurde ersatzlos entfernt. An seine Stelle trat ein einziger Satz: „Regarding the North Carolina matter, we will share more information in the near future.“ Ob ein Vergleich tatsächlich zustande gekommen ist, lässt sich der aktuellen Erklärung nicht mehr entnehmen. Eine Korrektur oder Erklärung für die Überarbeitungen wurde nicht angeboten.


Update — 13. Juni 2026: Die Interessenkonflikte von Dr. Namdrol Miranda Adams

Die Rolle von Dr. Namdrol Miranda Adams in diesem Fall verdient eine gesonderte und sorgfältige Betrachtung, denn die Verflechtungen sind in ihrer Gesamtheit erheblich.

Ihre institutionellen Positionen:

  • Präsidentin und Chief Academic Officer, Maitripa College
  • Präsidentin/Vorsitzende, FPMT North America Regional Board
  • Kernmitglied, FPMT Protecting From Abuse Policy Improvement Team (Nordamerika, Mitglied seit Frühjahr 2025)

Ihre persönliche Geschichte mit Yangsi Rinpoche:

Eine zuverlässige Quelle hat uns mitgeteilt, dass beide zuvor als Ordensmitglieder gemeinsam im Deer Park Buddhist Center gelebt haben. Beide legten die Roben ab und gründeten kurz darauf gemeinsam das Maitripa College. Dies ist eine jahrzehntelange persönliche Geschichte, die der Institution selbst vorausgeht.

Eine Frage öffentlich zugänglicher Dokumente:

Öffentliche Grundbuchdaten des Multnomah County, Oregon, unabhängig bestätigt durch den Zillow-Eintrag der Immobilie, belegen nun eine weitere Dimension: Dr. Adams und Kesang Tuladhar (der eingetragene bürgerliche Name von Yangsi Rinpoche) sind gemeinsame Eigentümer einer Immobilie in der 15139 SE Belmore St, Portland, Oregon. Sie halten diese Immobilie seit 2007 gemeinsam und sind in mehreren Hypothekendokumenten aus diesem Zeitraum gemeinsam als Kreditnehmer eingetragen. Die Immobilie ist rechtlich als Einfamilienhaus klassifiziert.

Dies ist eine finanzielle Verflechtung, die durch öffentliche Dokumente belegt ist. Sie ist für jede Beurteilung der Unparteilichkeit unmittelbar relevant und kein nebensächliches Detail.

Was dies im Kontext bedeutet:

Die Person, die das Schreiben unterzeichnete, mit dem die Herausgabe von Carol Merchasins Untersuchungsbericht aus dem Jahr 2021 an Sunitha Bhaskaran, die Beschwerdeführerin in ihrem eigenen Fall, verweigert wurde, teilt mit Yangsi Rinpoche eine gemeinsame monastische Vergangenheit, jahrzehntelange berufliche Zusammenarbeit und, laut öffentlichen Dokumenten, gemeinsamen Immobilienbesitz. Sie trat dem FPMT-Gremium zur Verbesserung des Opferschutzes im Frühjahr 2025 bei, genau in dem Zeitraum, in dem die Beschwerde sich zu einer Zivilklage und einem anschließenden Vergleich zuspitzte.

Jede dieser Tatsachen für sich genommen könnte man zur Kenntnis nehmen und beiseitelegen. Zusammengenommen ergibt sich daraus ein Bild von Verflechtungen, das ernsthaft in Frage stellt, ob ein Verfahren, an dem Dr. Adams beteiligt ist, tatsächlich unabhängig sein kann oder auch nur als unabhängig wahrgenommen werden kann.

Die Leserinnen und Leser sind eingeladen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Die öffentlichen Grundbuchdaten sind über Multnomah County zugänglich.

Die vollständigen Artikel von Sophie Peel bei Willamette Week sind hier zu lesen:

Siehe auch:

¹ Stafford v. Foundation for the Preservation of the Mahayana Tradition, Inc. et alPacerMonitor | CourtListener | Klage (PDF) | FPMT-Antwort auf die Klage (PDF)

Zuletzt geändert am 13. Juni 2026 | 22:07 Uhr



Yangsi Rinpoche, die FPMT und der Fall Stafford: Wie wird die Organisation diesmal reagieren?

2 Gedanken zu „Yangsi Rinpoche, die FPMT und der Fall Stafford: Wie wird die Organisation diesmal reagieren?

  • 5. Juni 2026 um 14:34 Uhr
    Permalink

    Die Vorfälle sind auch kein Einzelfall. Schon im letzten Jahre hat Tenzin Ösel Hita Torres, die anerkannte Reinkarnation von Lama Thubten Yeshe, einem der Gründer der FPMT und Lehrer von Lama Zopa Rinpoche, von seinen negativen Erfahrungen und Problemen, die er durch Verantwortliche von FPMT erlebt hat, berichtet.

    Senior Tibetan Buddhist Gelugpa teacher, Osel Hita issues public statement on controlling “toxic” culture, lack of accountability, abuse and misconduct of leading Gelugpa Buddhist institution, FPMT
    https://dakinitranslations.com/2025/03/24/osel-hita-speaks-out-about-fpmt-abuse-and-misconduct/
    https://oselhita.com/letter-march-13-2025/
    https://fpmt.org/updates-from-the-fpmt-inc-board/statement-from-the-fpmt-inc-board-of-directors-march-11-2025/

    Antworten
  • 10. Juni 2026 um 02:03 Uhr
    Permalink

    Einleitung / Antwort auf den Hörensagen-Einwand

    Ein Leser hat gefragt, ob die Vorwürfe gegen Allan Wallace und Yangsi Rinpoche mehr sind als „Hörensagen“ (hearsay). Die Frage bietet einen guten Anlass zu klären, was Hörensagen eigentlich bedeutet, denn Berichte von Betroffenen werden tatsächlich regelmäßig mit diesem Begriff abgetan.

    Hörensagen ist im US-Recht eine prozessrechtliche Regel, die bestimmt, welche Informationen einer Jury präsentiert werden dürfen. Es ist ausdrücklich keine Methode zur Wahrheitsbewertung — und sie kennt eine Vielzahl von Ausnahmen. Tatsächlich ist fast alles, was Menschen wissen, technisch gesehen „Hörensagen.” Wir kennen das eigene Geburtsdatum, weil man es uns gesagt hat oder weil wir ein Dokument gelesen haben, das jemand anderes verfasst hat. Wir glauben unzählige Dinge nahezu ausschließlich aufgrund der Aussagen anderer — akzeptieren, weil diese Aussagen durch weitere Belege gestützt werden, in sich stimmig sind und von glaubwürdigen Quellen ohne Motiv zur Lüge stammen. Wer sich ernsthaft weigerte, irgendetwas aus zweiter Hand zu glauben, käme nicht bis zum Mittagessen.

    Im öffentlichen Diskurs funktioniert der ‚Hörensagen’-Einwand oft als selektives Argument, das gern dann hervorgeholt wird, wenn einem das Ergebnis nicht passt. (Zur Klarstellung: Das beschreibt ein allgemeines Muster, nicht den Leser, dessen Frage diesen Kommentar veranlasst hat.)

    Zum Fall Yangsi Rinpoche / Maitripa College

    Die Beweislage ist hier tatsächlich ungewöhnlich stark:

    • Die Journalistin (Willamette Week) hat die fraglichen Nachrichten persönlich gelesen und ausgewertet — das ist investigativer Journalismus mit Primärquellen, kein Hörensagen.
    • Es gibt einen außergerichtlichen Vergleich zwischen den Parteien — eine institutionelle Anerkennung eines Problems, auf dessen Grundlage keine Organisation Gerüchte als Vergleichsbasis akzeptiert.
    • Es gibt eine unabhängige Untersuchung durch Rechtsanwältin Carol Merchasin — ein formelles, professionelles Verfahren. Die von Maitripa College erstellte Zusammenfassung dieser Untersuchung — datiert auf den 8. Dezember 2021 — bestätigt ausdrücklich, dass Merchasin zu dem Schluss kam, die Beteiligten seien in eine „nicht offengelegte intime, sexuelle Beziehung, einen Verstoß gegen die Richtlinie des Maitripa College zu einvernehmlichen Beziehungen” verwickelt gewesen — und hält ausdrücklich fest: „Der Beweisstandard ist in diesem Zusammenhang niedriger als in einem Gerichtsverfahren, aber die Beweise für eine Beziehung waren solide.” Dieser Punkt ist bedeutsam: Yangsi Rinpoche bestritt eine sexuelle Beziehung kategorisch, und dennoch erachtete die Ermittlerin die Beweise als solide. Das Dokument verzeichnet ferner, dass Yangsi Rinpoche „eine wahrscheinliche unangemessene Grenzüberschreitung einräumt, durch die der Beschwerdeführerin Schaden entstanden ist” — und dass er als Abschlussform eine formelle „Vergebungszeremonie” beantragte. Dies ist, im Licht von Bhaskarans Schilderung, unter Druck zur vorzeitigen Versöhnung gedrängt worden zu sein, unmittelbar relevant. Es sei darauf hingewiesen, dass das, was Maitripa College Bhaskaran unter Berufung auf Vertraulichkeit verweigert hat, nicht diese Zusammenfassung ist, sondern der vollständige investigative Bericht von Carol Merchasin, auf dem sie basiert. Dieser Bericht wurde als Reaktion auf ihre Beschwerde erstellt. Sie hat ihn nicht gesehen.
    • Das Memo, auf das Dr. Namdrol in ihrer E-Mail an Sunitha Bhaskaran Bezug nimmt — genauer gesagt: eben diese von Maitripa College erstellte Zusammenfassung — bestätigt, was die externe Untersuchung von Carol Merchasin im Jahr 2021 ergeben hatte. Damit bestätigt die Organisation selbst, was ihre eigene Untersuchung festgestellt hat.

    Es ist auch bemerkenswert, wie die Vorstandsmitglieder von Maitripa College im Nachgang dieser Untersuchung vorgegangen sind. Laut Berichten der Willamette Week drängten zwei Vorstandsmitglieder — Mark Waller und Jose Cabezon — Bhaskaran zu einer raschen Lösung, in eine formale „Vergebungs-Zeremonie“, kontaktierten sie mehr als fünfmal, um sie zur schnellen Beilegung zu bewegen, und arrangierten einen abschließenden Zoom-Call, an dem auch Yangsi Rinpoche teilnahm. Bhaskaran erklärt, sie habe sich unter Druck gesetzt gefühlt, zu vergeben, bevor sie dazu bereit war. Waller bestreitet diese Darstellung.

    Dieses Vorgehen ist ein schwerwiegendes Versagen — sowohl psychologisch als auch rechtlich. Eine betroffene Person sexualisierter Gewalt unter Druck zur raschen Vergebung zu setzen, insbesondere in Anwesenheit des mutmaßlichen Täters, ist kein neutraler Akt. Psychologisch setzt traumasensible Best Practice voraus, dass zunächst die Realität der betroffenen Person anerkannt wird und dass deren Tempo und Wünsche während des gesamten Prozesses respektiert werden. Eine vorzeitige Versöhnung zu erzwingen — bevor die betroffene Person bereit ist und bevor Verantwortlichkeit festgestellt wurde — kann erheblichen zusätzlichen Schaden und Retraumatisierung verursachen.

    Rechtlich sind die Risiken ebenso gravierend. Wenn eine betroffene Person in eine gemeinsame Zeremonie oder ein gemeinsames Treffen mit dem mutmaßlichen Täter gebracht wird, bevor ein rechtliches Verfahren abgeschlossen ist, erhält der Täter unmittelbaren Zugang zu den Aussagen, emotionalen Reaktionen und der Schilderung der betroffenen Person. Diese Informationen können anschließend in zivil- oder strafrechtlichen Verfahren gegen die betroffene Person verwendet werden — um die Konsistenz ihrer Schilderung anzuzweifeln, ein Narrativ gegenseitiger Zustimmung oder Versöhnung zu konstruieren oder ihre Glaubwürdigkeit als Zeugin zu untergraben. Eine vorzeitige Vergebungszeremonie schützt die betroffene Person also nicht nur nicht; sie kann sie in einem späteren Rechtsverfahren aktiv benachteiligen. Ein solches Treffen ohne unabhängige Rechtsvertretung für die betroffene Person und unter institutionellem Druck zu arrangieren, ist daher kein geringfügiger Verfahrensfehler — es ist ein grundlegendes Versagen institutioneller Verantwortung gegenüber einer Person in einer verletzlichen Lage.

    Besonders auffällig ist, dass Waller — trotz der Existenz der Zusammenfassung, die die eigene Untersuchung der Organisation erstellt hat und die die wesentlichen Vorwürfe bestätigt — gegenüber der Willamette Week erklärte, er glaube Bhaskarans Vorwürfen nicht, weil sie „völlig untypisch für den Mann sind, den ich kenne.” Ein Vorstandsmitglied, das an der Nachbereitung einer formellen Untersuchung beteiligt war, ist öffentlich dokumentiert, deren Schlussfolgerungen aus persönlicher Loyalität heraus abzulehnen.

    Fragen, die sich daraus ergeben:

    1. Warum hat Maitripa College (oder die FPMT — es ist nach wie vor unklar, ob und wann der Untersuchungsbericht vom College an die FPMT weitergeleitet wurde) vier Jahre verstreichen lassen, ohne zu handeln, obwohl die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung vorlagen? Es war nicht die Institution, die schließlich aktiv wurde — es war Sunitha Bhaskaran selbst, die die Sache durch die Einleitung einer Zivilklage im Jahr 2025 erzwang. Ohne diesen Schritt hätte die Organisation offenbar weiterhin nichts unternommen. Der Fall wurde schließlich durch einen außergerichtlichen Vergleich zwischen Bhaskaran, Yangsi Rinpoche und Maitripa College beigelegt.
    2. Warum bestreiten Yangsi Rinpoche und Maitripa College die Vorwürfe gegenüber der Willamette Week, wenn das eigene interne Memo — datiert auf den 8. Dezember 2021 — ausdrücklich bestätigt, dass die unabhängige Ermittlerin die Beweise für eine Beziehung als solide einstufte und Yangsi Rinpoche selbst einräumte, dass der Beschwerdeführerin Schaden entstanden ist?
    3. Ab welchem Zeitpunkt wusste die FPMT von dem Fall — sei es durch die Zusammenfassung, die unabhängige Untersuchung von Carol Merchasin oder die Zivilklage — und warum dauerte es viereinhalb Jahre, bis eine externe Untersuchung eingeleitet und Yangsi Rinpoche suspendiert wurde? (Die Website des Maitripa College bezeichnet dies lediglich als „Sabbatical”.)

    Abschließende Bemerkung

    Das Fazit lautet also: Erstpersonen-Berichte unter vollem Namen, investigativer Journalismus auf Basis von Primärquellen, ein gerichtlicher Vergleich und eine formelle Untersuchung vom 8. Dezember 2021 sind kein Hörensagen. Es sind unabhängige, sich gegenseitig stützende Quellen, und genau das macht diesen Fall ungewöhnlich gut dokumentiert.

    Postskriptum (10. Juni 2026 | 12:15 Uhr): Der Leser hat seine Frage inzwischen klargestellt: Sie war nicht als Abwertung gemeint, sondern in gutem Glauben gestellt, nämlich ob es über mündliche Erstpersonen-Berichte hinaus stützende Belege gibt (Nachrichten, E-Mails, Aufnahmen etc.). Meine ursprüngliche Formulierung las die Frage als Abwertung, was eine Fehleinschätzung meinerseits war. Ich habe die betreffenden Passagen oben entsprechend angepasst.

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