Im Grenzbereich der Lehrer-Schüler-Beziehung: Sex, Liebesbeziehungen, sexualisierte Gewalt

Buddhismus Aktuell veröffentlichte in der Ausgabe 1/2022, S. 8-9, einen Artikel von Irmi Jeuther, Dharmalehrerin, Psychologin und Missbrauchsbeauftragte der DBU, „Warum … Dharmalehrer keinen Sex mit ihren Schülerinnen haben sollten“.

Anlass für den Artikel ist die Freiwillige Ethische Selbstverpflichtung (FES) der Deutschen Buddhistischen Union (DBU), die von der Mitgliederversammlung der DBU im Oktober 2020 verabschiedet wurde.

Die FES schlägt für „sexuelle Beziehungen“ zwischen „Meditations- und Dharmalehrer:innen“ und Kursteilnehmer:innen sowohl eine angemessene zeitliche Abstandsregel („empfohlen wird mindestens ein Jahr“) als auch eine Auflösung der „Lehrer-Schüler-Beziehung sowohl formal wie innerlich“ vor. Als Grund wird angegeben: „damit sich die Beziehung auf Augenhöhe und ohne Machtgefälle entwickeln kann.“

Die Abstandsregel scheint bei einigen Buddhist:innen auf Unverständnis zu stoßen. Daher bat die Redaktion von Buddhismus Aktuell Irmi Jeuther diese Regel näher zu erläutern.

Ziel des Artikels ist es, so auch die Unterüberschrift, aufzuklären, warum „eine angemessene Abstinenzzeit von mindestens einem Jahr zwischen einer Lehrer:in-Schüler:in-Beziehung und einer Liebesbeziehung eingehalten werden sollte“.

Aus meiner Sicht, veranschaulicht der Artikel sehr gut die Dynamiken, die eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler:in auf Augenhöhe eher unmöglich machen. Ich empfinde ihn als einen wichtigen und notwendigen Beitrag in der Debatte zu heilsamen und unheilsamen Lehrer-Schüler-Beziehungen, die durch etliche Skandale sexualisierter Gewalt durch buddhistische Lehrer öffentlicher und auch allmählich offener geführt wird.

Die Redaktion von Buddhismus Aktuell (BA) schiebt dem Beitrag von Irmi Jeuther noch einen Absatz vor, sie schreibt „In diesem Artikel wurde auf eine durchgehend geschlechterneutrale Sprache verzichtet, weil die Wirklichkeit zeigt, dass über 90 Prozent der Übergriffe in Form von sexualisierter Gewalt von Männern an Frauen verübt werden.“ Für diesen Blogbeitrag habe ich die vier verwendeten Begriffe aus FES und BA-Artikel orange markiert:

  • Sex,
  • sexuelle Beziehungen,
  • Liebesbeziehungen und
  • sexualisierte Gewalt.

Der Anlass und der Kontext für die Freiwillige Ethische Selbstverpflichtung war sexualisierte Gewalt durch buddhistische Lehrer gegenüber Schülern und der ihnen zugefügte (mitunter massive) Schaden. Logischer Weise hat der Artikel, der neunmal den Begriff „Liebesbeziehungen“ verwendet, auch die ein oder andere Leser:in irritiert und sogar Trauma getriggert. Eine Nutzerin meines englischen Blogs, wo ich den Artikel verlinkt und gelobt hatte, kommentierte:

Der verlinkte Artikel von Frau Jeuther gefällt mir nicht wirklich. Der Artikel suggeriert, dass Lehrer, die Sex mit ihren Schülern haben, romantische Beziehungen zu ihnen suchen.

Für die Schülerinnen und Schüler ist dies vielleicht eher eine Motivation, mit der Lehrerin oder dem Lehrer Sex zu haben.

Die Asymmetrie der Motivation und die Tatsache, dass nicht darüber gesprochen wird, könnte ein Grund dafür sein, dass sich Schüler missbraucht fühlen.

Die Autorin kommt aus einem TB-Hintergrund, in dem Lehrer oft tibetische Lamas sind, die bei Frauen wegen des schnellen Sex gefürchtet sind.

Meiner Meinung nach hätte man die Motivation des Lehrers, der mit seinen Schülern Sex haben will, stärker hinterfragen und sogar den Rat geben sollen, dass der Lehrer vielleicht keine romantische Beziehung mit dem Schüler sucht.

Für mich ist diese Kritik, die ich von anderer Seite noch stärker formuliert hörte, durchaus nachvollziehbar. Fairer Weise muss ich hinzufügen, dass es Irmi Jeuther einfach darum ging, diesen einen selektiven Punkt zu erörtern, nicht aber eine verharmlosende Meinung zu vertreten.

Soweit ich es verstehe, hätte im Vorwort des Artikels eine klare Abgrenzung der Begrifflichkeiten und deren Bedeutungen geholfen, mögliche Missverständnisse zu vermeiden. Durch Überschrift, Vorwort, mangelnde Abgrenzung und der Komplexität der Materie, werden meines Erachtens Themenbereiche wie Liebesbeziehungen und Missbrauch (unfreiwillig) verschränkt.

Nachfolgend will ich einige Punkte des Artikels von Irmi Jeuther aufgreifen und im Sinne der Diskussion um sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch etwas vertiefend erweitern.

Einige zusätzliche Gedanken zum Thema Liebesbeziehungen, sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch

Enorm wichtig finde ich den Hinweis vom Irmi Jeuther im Artikel, dass die durch Lehrer Geschädigten oft in ihrer Kindheit schon sexualisierte Übergriffe oder Gewalt erlebt haben und das zu entsprechenden Unsicherheiten führt, die nicht Betroffene so nicht kennen und daher eher nicht oder nur schwer verstehen können. Das ist insofern für die öffentliche Aufklärung wichtig und hilfreich, weil ich immer wieder von Buddhist:innen – inklusive tibetischen Meister:innen – höre, Betroffene könnten doch einfach „Nein!“ sagen, oder sie appellieren an den „gesunden Menschenverstand“ von Schülern. Nein, „Nein!“ sagen können eben Betroffene i. R. nicht! Und dafür gibt es gute Gründe, die Psychologen oder Neurowissenschaftler auch nachvollziehbar erklären können – z. B. das Erstarren („Frozen Fright“-Effekt). Berichten von Betroffenen sexualisierter Gewalt kann man zudem entnehmen, dass die theoretische Möglichkeit „Nein!“ sagen zu können, in der Praxis durch die geschickte Annäherung, durch die geschickte Manipulation oder durch die Indoktrination seitens des Täters mittels buddhistischer Lehrinhalte, durch Rationalisierung seitens der Betroffenen, der vorausgegangener Normalisierung von Grenzüberschreitungen oder den Dynamiken in der Gruppe effektiv ausgehebelt wurde.

In vielen Fällen, die mir bekannt sind, überschritt der übergriffige buddhistische Lehrer schrittweise die Grenzen seines Opfers. In diesen Fällen dauerte es also eine Weile, bis es zur sexualisierten Gewalt kam. Das Überschreiten von Grenzen, z. B. durch Berühren, Streicheln, sexualisierte Komplimente, Andeutungen usw., irritiert zwar i. R. den Schüler / die Schülerin, wird aber durch Indoktrination in der Gruppe oder Selbstindoktrination rationalisiert, das sei ein „Test“, ein „geschicktes Mittel“, der Lehrer wolle „helfen mit Schuld- und Schamgefühlen zu arbeiten“, man sei „etwas ganz Besonderes“, habe „spezielles Karma mit dem Lehrer“, Gegenwehr sei nur das Aufbäumen des „Ego“, das es zu überwinden gelte etc. Übergriffiges Verhalten wird so rationalisiert und normalisiert bis es zur eigentlich sexualisierten Gewalt, dem ersten Übergriff und oft auch nachfolgenden Übergriffen kommt. Betroffene können das ggf. auch emotional rationalisieren: „wahrscheinlich ist er einsam“, „er ist so allein“, „er hat doch sonst niemanden“, verbunden mit einer möglichen besondern Rolle ihm „helfen, ihn nicht allein lassen“ zu wollen. Auch andere Motive sind möglich, wie Irmi Jeuther schreibt, die Schüler:in fühlt sich als etwas Besonderes, wird durch die Aufmerksamkeit des Lehrers aufgewertet, belohnt. Menschen, die sich nach Zuwendung, Liebe oder Anerkennung sehnen, die Angst vor Zurückweisung haben, die durch Übergriffe aus der Kindheit oder Jugend schwerer Grenzen setzen können als andere, sind hier viel anfälliger, Opfer sexualisierte Gewalt zu werden, weil ein „Nein!“ bei einer solchen Konditionierung nicht über die Lippen kommen will oder kann.

Die Projektionen von Tätern und Betroffenen, die zu Übergriffen führen und der Schaden, der aus solchen Übergriffen entsteht, hat Peter Rutter sehr eindrücklich und lebendig im Buch „Sex in der verbotenen Zone: Wenn Männer mit Macht das Vertrauen von Frauen missbrauchen“ (Arbor Verlag) beschrieben. Angemerkt sei – auch wenn es sie prozentual weniger betrifft als Frauen oder Mädchen – Männer oder Jungen können ebenso Betroffene sexualisierter Gewalt durch buddhistische Lehrer werden, z. B. die durch Sangharakshita, Thich Thien Son oder Genpo D. Missbrauchten.

Im Tibetischen Buddhismus wird die Verantwortung für die heilsame Beziehung zum Lehrer primär den Schülern zugeschrieben. Ob sich der Dalai Lama äußert oder andere tibetische Meister, der Schülerin / dem Schüler wird direkt oder indirekt immer die Hauptverantwortung gegeben. Laut Dalai Lama soll auch der Betroffene von Missbrauch die Verantwortung übernehmen, den eigenen Missbrauch öffentlich zu machen. Diese Sichtweise wird dem Kontext und der psychologischen Situation der meisten Betroffenen in nicht-buddhistischen Ländern nicht gerecht und lässt sie allein und auf sich selbst gestellt zurück. Obwohl der Dalai Lama „unverantwortliches und unethisches Verhalten stets angeprangert“ hat, auch wenn er vom Missbrauch im tibetischen Buddhismus wusste, er hat Missbrauch durch einzelne Lehrer nie öffentlich gemacht. Das machten bisher immer nur mutige Betroffene oder wenige Engagierte selbst. Unterstützung von der Gemeinschaft (Sangha) können Betroffene auch nicht erwarten, denn diese ist meist mit der Verteidigung des guten Rufes des Täters, dem guten Ruf der eigenen Institution oder schlicht nur mit sich selbst beschäftigt. Statt dessen erleben Betroffene von Missbrauch in buddhistischen Gemeinschaften wieder und wieder Unglauben, Ausgrenzung oder Diffamierung; Lügen und Halbwahrheiten werden über sie verbreitet, um sie letztlich zu diskreditieren, um sie unglaubwürdig zu machen.

Ich finde es erfreulich, dass Irmi Jeuther im Artikel die Hauptverantwortung beim Lehrer und nicht beim Schüler verortet. Vom Standpunkt wechselseitig bedingten Entstehens aus gesehen haben beide Verantwortung für ihre Beziehung, Lehrer und Schüler. Dem Lehrer kommt aber wegen des Wissensvorsprungs, seiner Autorität und der ihm verliehenen Macht weitaus höhere Verantwortung zu.

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Die problematische Verwendung des Begriffes „Liebesbeziehungen“ im Kontext sexualisierter Gewalt oder von Machtmissbrauch

Wie am Anfang des Postes erläutert, wäre meines Erachtens eine klare Abgrenzung der verschiedenen Themenkomplexe hilfreich gewesen. Wie häufig „Liebesbeziehungen“ zwischen Lehrern und Schülern entstehen, wie häufig es um bloßen Sex geht, wie häufig Liebesbeziehungen vorgetäuscht werden, um die Schülerin ‚ins Bett zu kriegen‘, lässt sich empirisch nicht sagen. Dazu fehlen schlicht die Daten. Die Daten fehlen auch, sagen zu können, wie häufig es bei „sexuellen Beziehungen“ um Machtmissbrauch oder sexualisierte Gewalt geht. Ebenso fehlen die Daten sagen zu können, wie viele Lehrer sich bezüglich sexueller Begierden gegenüber Schüler:innen nicht schädigend verhalten.

Was ich aus meiner Beobachtung heraus, also subjektiv, wahrnehmen und kommunizieren kann ist, dass es bei allen der öffentlich als Missbrauch angeprangerten (und nicht-öffentlichen mir bekannten) Fällen sogenannter „sexueller Beziehungen“ zwischen Lehrern und Schülern, nicht um eine „Liebesbeziehung“ sondern allein um die sexuelle Befriedigung des Lehrers ging. Schüler:innen haben diese sexuellen Aktivitäten als Übergriff oder Machtmissbrauch, als sexualisierte Gewalt erfahren und beschrieben – nicht als „Liebesbeziehung“. In den wenigen mir bekannten Fällen, wo die Schülerin dachte, es handle sich um eine „Liebesbeziehung“, weil der Lehrer das so vorgab, stellte sich das im Nachhinein als manipulative Täuschung durch den Lehrer heraus.
Dennoch, mir sind auch Fälle bekannt, wo Lehrer und Schülerin eine langfristige Beziehung eingingen. Der Unterschied ist, dass in diesen Fällen die Schüler das nicht als sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch oder traumatisch beschrieben haben bzw. Zeichen von Trauma oder PTBS aufweisen und psychotherapeutischer Behandlung oder gar Klinikaufenthalt benötigen; oder aus tiefstem Schmerz und Enttäuschung Buddhismus und Religion gleich ganz aufgeben.

In allen mir bekannten Fällen schädlicher „sexueller Beziehungen“ wurden sowohl weibliche als auch männliche Schüler in solch eine sexuelle Beziehung – die auch mehre Monate andauern konnte – hinein manipuliert. Nach meiner Beobachtung und Erfahrung – und hier kann ich mich natürlich täuschen – sind wirkliche Liebesbeziehungen zwischen Lehrern und Schülern eher die Ausnahme. Mir erscheint außerdem der Begriff „Liebesbeziehung“ – oder eine Diskussion zu „Liebesbeziehungen“ – ohne klare Differenzierung und Kontextualisierung problematisch, weil sowohl übergriffige Lehrer, als auch deren Anhänger:innen oft den Betroffenen von Machtmissbrauch oder sexualisierter Gewalt unterstellen, sie hätten den Lehrer verführt, seien enttäuschte Liebende oder enttäuschte „Partner“, die nun aus dem Schmerz der Trennung heraus den Lehrer ungerecht kritisieren würden. (Dies passierte z. B. so im Falle der sexualisierten Gewalt Sangharakshitas gegenüber Mark Dunlop, der als “jilted gay ex-lover” [„verschmähter schwuler Ex-Liebhaber“] diskreditiert wurde. Das sind laut Mark Dunlop drei Lügen in drei Worten.)

Ein weiteres Problem, die die Begriffsverwendung „Liebesbeziehung“ im Gesamtkontext einer Diskussion zu Sex, Machtmissbrauch und hierarchisch-patriacharlichen Strukturen zwischen Lehrern und Schülern verursachen kann ist, dass, wie bereits erwähnt, manipulative Lehrer Schülerinnen mitunter vorgaukeln, es handle sich um eine romantische Liebesbeziehung. Sie sei zudem exklusiv. Diese Täuschung wird früher oder später durch die Realität widerlegt, wodurch es zwangsläufig zur Ent-Täuschung und den damit verbundenen Schmerzen kommen muss. Die Täuschung über eine angebliche Liebesbeziehung seitens des Lehrers – und dem Glauben an die Täuschung durch die Schüler:in – kann dann im sexuellen und spirituellen Missbrauch der betroffenen Schüler:innen enden. Wird die Ent-Täuschung realisiert, stehen Schüler:innen einem emotionalen und spirituellen „Scherbenhaufen“ gegenüber. So schrieb mir eine betroffene Person, dass sie eine Gefahr darin sehe, dass durch die häufige Verwendung des Begriffes „Liebesbeziehung“ im BA-Artikel und dem Aufzeigen einer Möglichkeit am Ende des BA-Artikels, wie eine „Liebesbeziehung“ zwischen Lehrer und Schüler gelebt werden könnte, eine Täuschung über eine angebliche „Liebesbeziehung“ bei Betroffenen gestärkt wird.

Dem Appell von Irmi Jeuther, dass Lehrende Supervision und Fortbildung benötigen, schließe ich mich grundsätzlich an.


Zuletzt überarbeitet: 31.12.21 | 1:30 Uhr
(neue Einleitung und veränderter Schluss)

Siehe auch
Im Grenzbereich der Lehrer-Schüler-Beziehung: Sex, Liebesbeziehungen, sexualisierte Gewalt

3 Gedanken zu „Im Grenzbereich der Lehrer-Schüler-Beziehung: Sex, Liebesbeziehungen, sexualisierte Gewalt

  • 31. Dezember 2021 um 01:18
    Permalink

    Tenzin Peljor schrieb:

    „(…) Das ist insofern für die öffentliche Aufklärung wichtig und
    hilfreich, weil ich immer wieder von Buddhist:innen – inklusive
    tibetischen Meister:innen – höre, Betroffene könnten doch einfach „Nein!“
    sagen, oder sie appellieren an den „gesunden Menschenverstand“
    von Schülern. Nein, „Nein!“ sagen können eben Betroffene i. R. nicht!
    (…)“

    Mir dreht sich immer irgendwie das Hirn, wenn ich den letzten Satz in
    dieser Form/ in diesem Zusammenhang höre. M. Mn. nach ist es umgekehrt:

    In der Sangha, oder Besuchergruppe eines Seminars, mag es Personen geben,
    die eine Schwierigkeit mit sich bringen, Zumutungen abzuweisen, oder etwa
    Schmeicheleien.
    Ein „Guru“, den ein ungestilltes (und ungezähmtes) Bedürfnis nach Intimität,
    Sex oder Abenteuer erfüllt und befeuert, mag ein Faible für solche Personen
    haben und seine Annäherungsversuche darauf ausrichten.
    (So ungefähr wurde es z. B. von Sogyal Lakar berichtet).

    Es ist also umzudrehen:

    „Personen die nicht ’nein‘ sagen können,
    – und es gibt sie überall –
    werden zu ‚Betroffenen'“ .

    Und es wird durch dieses korrigierende Umdrehen der Gedankenreihenfolge
    auch direkter deutlich, wie -in meinen Augen eine Infamie, ein Zynismus-
    entsteht wenn dann ein Kommentar fällt:

    „sie hätten doch ’nein‘ sagen können“

    – die, die das *können*, kommen ja eher nicht in solche Situationen,
    der Guru sucht sich ja gerade die andern aus…

    Darüberhinaus wird durch diese Korrektur der Perspektive auch eine
    Infamie eines weiteren Elements „des Spiels“ deutlich: wenn der Guru,
    oder seine Beauftragten, später der Öffentlichkeit (oder sogar speziell
    dem Arbeitgeber), stecken, daß die betroffene Person ja „mental
    instabil“ ist. Hat der Guru sein überirdisches/himmlisches Auge
    zugehalten als er die Person ins Visier genommen hat? Oder als er sie in
    seinen intimen und intimsten Bereich hineingezogen hat?
    Oder hat er schlicht gar kein solches Auge und hat keinerlei Schamgrenze,
    das auch direkt einzuräumen, indem er „mentale Instabilität“
    diagnostiziert – nachträglich(!): erst wenn die Person sich abgewendet
    hat und Unterstützung sucht, und nicht bereits als er sein Auge auf
    diese Person gerichtet hat… (öffentlich. Rein privat war das
    womöglich gerade sein Auslesekriterium…)

    – – – – – – – – –

    Ich hänge ja an keiner tibetischen Tradition und habe mich da nie sach-
    und personenkundig gemacht. Aber als ich beim Aufflammen des Skandals
    (durch den Brief der acht Disciples) des Sogyal Lakar dessen erste
    Antwort gelesen hatte, war mir direkt klar, daß hier kein „Buddha“
    schreibt, sondern ein weinerliches Etwas, der enttäuscht ist, daß er
    nicht (mehr) machen kann was er will und (momentan) hilflos versucht
    seine absurd überzeichnete Rolle als Fürsorger, womöglich als Bodhi-
    sattva, aufrechtzuerhalten.

    Ich schreibe dies übrigens aus einer „Lehrer-zu-Lehrer“-Perspektive,
    denn ich habe 20 Jahre Zeit gehabt, mich in der Rolle eines Lehrers
    (in der Erwachsenenbildung) einzuleben und einzufühlen und ein
    privates, gangbares, Ethik-Referenzsystem zu entwickeln und einzuüben.
    Der genannte Brief daher ist m. Mn. n. eines Lehrers nicht würdig und
    erst recht nicht gemessen an den Idealen, die der Buddha
    ***als Weltlehrer*** in die Welt gebracht hat.
    In meiner Weltsicht müßten längst andere Lehrer (mindestens die auf
    der gleichen Stufe) ***von sich aus*** dieses Mißverhalten und Mißvermögen
    ihres „Kollegen“ angeprangert und veröffentlicht haben, anstatt diese
    schlimme Aufgabe einigen übermäßig mutigen und risiko- & leidensbereiten
    Opfern zu überlassen.

    Ich hatte in allen früheren Jahren eine (bisher nur instinktive)
    Distanz zu diesem Stream im westlichen Buddhismus. Aber wie es scheint,
    habe ich wohl auch nichts besonderes versäumt in dieser Hinsicht…

    Gottfried

    Antworten
    • 1. Januar 2022 um 11:40
      Permalink

      „In meiner Weltsicht müßten längst andere Lehrer (mindestens die auf der gleichen Stufe) ***von sich aus*** dieses Mißverhalten und Mißvermögen ihres „Kollegen“ angeprangert und veröffentlicht haben, anstatt diese schlimme Aufgabe einigen übermäßig mutigen und risiko- & leidensbereiten Opfern zu überlassen.“

      Danke, sehr gut gesagt!

      Antworten
      • 1. Januar 2022 um 18:13
        Permalink

        Das Problem sind hier mE kulturelle Wertevorstellungen und bei Ordinierten in der tibetischen Tradition das Aushebeln von Vinaya Ritualen durch zusätzliche Tulku/Rinpoche Hierarchien, die Kritik und zur Rechenschaft gezogen werden eher fast unmöglich machen.

        In der tibetischen Kultur ist Kritik am eigenen Lehrer – auch einem anderen Lehrer – allgemein gesehen ein Taboo.

        Als heilsam wird angesehen, Schüler zu Vertrauen in den Lehrer anzuhalten und Lehrer nicht zu kritisieren.

        Statt Kritik betont man eher die Qualitäten des Lehrers und es finden sich viele Dharma Instruktionen – nicht auf den Buddha aber spätere Kommentare zurückgehend – die solche Sichtweisen unterstützen. ZB Atisha:

        Do not look for faults in others, but look for faults in yourself, and purge them like bad blood.

        Do not contemplate your own good qualities, but contemplate the good qualities of others, and respect everyone as a servant would.

        Tibetische Lehrer differenzierten zwar, dass es bei Kritik auf die Motivation ankomme, schränken dann aber auch wieder ein, man könne ja nie wissen, welches spirituelle Level der Lehrer hätte und ist er oder sie ein Bodhisattva, dann sei es unheilsam zu kritisieren. (Heilige soll man nicht kritisieren.)

        Das und andere Mechanismen führen eher zu Lähmungserscheinungen was konstruktive, und auch von Buddha geratene, Kritik angeht.

        In der Theravada Tradition erlebe ich das so nicht. Da hat jeder seine eigene Meinung und über jeden gibt es oder hört man Kritik oder Zweifel (bis auf ganz wenige Ausnahmen wie zB Ajahn Mun oder Ajahn Chah – wobei ich auch über letzteren Zweifel gehört habe bzgl seines Komas.) Auf jeden Fall gibt es im Theravada Diversität in Ansichten bezüglich der Qualitäten und Begrenzungen von Personen/ spirituellen Autoritäten. Kritik ist Teil des Umgangs miteinander – soweit ich das erlebt habe. Wobei, jüngere Ordinierte sollten aber auch hier eher nicht ältere Ordinierte kritisieren, das machen wenn noch älter Ordinierte gegenüber den Älteren.

        Insgesamt ist das komplex. Das sind auch nur grobe Beobachtungen und Pauschalisierungen. Es gibt immer auch wieder Ausnahmen.

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