Der 14. Dalai Lama zum Thema: Wenn der Vajrayana Guru doch nicht so perfekt ist …

Die nachfolgenden Aussagen des 14. Dalai Lama werden zur Verfügung gestellt, weil es notwendig erscheint, Klarheit über bestimmte Anweisungen im Tibetischen Buddhismus bezüglich der Lehrer-Schüler-Beziehung im Vajrayana zu schaffen.

In einer Zeit, in der es glaubwürdige Anschuldigungen gibt, dass einige tibetisch-buddhistische Meister des Vajrayana ihre Macht missbrauchen und Studenten sexuell, emotional, spirituell oder finanziell für ihre eigenen Bedürfnisse ausbeuten, können die differenzierten Erklärungen des Dalai Lama zum Thema der Lehrer-Schüler-Beziehung weiterhelfen.

Die folgenden Zitate stammen aus zwei Publikationen, einer im Jahr 2018 und einer im Jahr 1982.

Aus einer neueren Veröffentlichung

Aus dem Abschnitt mit dem Titel: „Ungewöhnliches Verhalten“ [ein Textauszug]

Einige Texte machen Angaben wie „Sieh alle Handlungen deines spirituellen Mentors als perfekt an.“ und „Befolge die Anweisungen deines Mentors genauestens mit voller Hingabe.“ Diese Aussagen werden im Zusammenhang mit dem höchsten Yoga-Tantra gemacht und gelten für Fälle, in denen sowohl der spirituelle Meister als auch der Schüler hoch qualifiziert sind – zum Beispiel Tilopa und sein Schüler Naropa, und Marpa und sein Schüler Milarepa. Wenn wir nicht vom Kaliber eines Naropa sind und unser Mentor nicht die Eigenschaften von Tilopa besitzt, dann können diese Angaben sehr irreführend sein. Geschichten wie die von Tilopas vermeintlich missbräuchlicher Behandlung von Naropa – ihn anzuweisen, von einer Klippe zu springen, und so weiter – und die von Marpa, die Milarepa anwies, einige Gebäude zu errichten und sie dann abzureißen, verleiten manche Leute dazu zu denken, zum Befolgen der Anweisungen ihrer Lehrer gehöre auch, sich missbrauchen zu lassen. Das ist keineswegs der Fall! Marpa sagte zu Milarepa, „Behandle deine Schüler nicht so, wie ich dich behandelt habe, oder so, wie der große Naropa mich behandelte. Solche Praktiken sollten in Zukunft nicht weiter ausgeübt werden.“ Dies ist so, weil es sehr selten vorkommt, dass man sowohl einen Lehrer als auch einen Schüler findet, die beide Realisationen haben, die mit denen jener großen Meister vergleichbar wären.

Ich hatte viele Lehrer, die ich sehr wertschätze, doch ich kann nicht akzeptieren, alle ihre Verhaltensweisen als perfekt zu betrachten. In meiner frühen Jugend bekämpften sich meine beiden Regenten in einem Machtkampf, an dem auch die tibetische Armee beteiligt war. Wenn ich auf meinem Meditationskissen saß, empfand ich beide Lehrer als extrem gütig und hatte tiefen Respekt vor ihnen; ihre Meinungsverschiedenheiten spielten keine Rolle. Wenn ich jedoch mit den Schwierigkeiten umgehen musste, die durch ihre Uneinigkeit verursacht wurden, sagte ich zu ihnen, „Was Sie tun ist falsch!“. So sprach ich nicht aus Abneigung oder einem Mangel an Respekt, sondern weil ich den Buddhadharma liebe und ihr Verhalten ihm widersprach. Ich fand keinen Loyalitätskonflikt darin, so zu handeln. In unserer Praxis mögen wir das Verhalten des Gurus als das eines Mahasiddhas betrachten, doch in der normalen Welt folgen wir der allgemeinen buddhistischen Herangehensweise, und wenn ein bestimmtes Verhalten schädlich ist, sollten wir es sagen.

Der Rat, alle Handlungen des Gurus als perfekt zu anzusehen, ist nicht für allgemeine Praktizierende gedacht. Da ein solcher Rat leicht zu Missverständnissen führt, kann er zu einem Gift sowohl für Mentoren als auch für Schüler werden. Wenn Schüler schlechtes Verhalten eines Lehrers in der Annahme schönreden, dass alles, was der Guru tut, gut sein muss, so lässt das manchen Lehrern freie Hand, sich falsch zu verhalten. Seitens des Lehrers ist schlechtes Verhalten gleichbedeutend damit, das heiße flüssige Eisen der Höllenzustände zu trinken, und es trägt zur Degeneration des Dharma in der Welt bei. Nur in besonderen Situationen und nur besonderen Praktizierenden sollte gelehrt werden, dass alle Handlungen des Gurus perfekt sind. Buddhismus basiert auf Vernunft und Weisheit, und das muss so bleiben.

Da ich häufig Dharma-Belehrungen gebe, setzen viele Menschen großes Vertrauen in mich. Viele Jahre lang war ich auch ihr sekulärer Führer. Sähen sie alle meine Handlungen als perfekt an, so würde sich das negativ auf die Administration auswirken. Es war wichtig für die Leute, mir Informationen und Gedanken mitzuteilen und nicht einfach aus Respekt alles hinzunehmen, was ich sagte.

Wenn du jemanden als deinen spirituellen Mentor angenommen hast und dann herausfindest, dass er sich in fragwürdiger Weise verhält, kannst du aufhören, seine Belehrungen zu besuchen. Vermeide Respektlosigkeit oder Antipathie; Zorn wird dich nur missmutig machen. Das Kalachakra-Tantra rät, eine neutrale Haltung zu bewahren und die Beziehung nicht weiter zu verfolgen. Halte deine Distanz und kultiviere Beziehungen mit anderen Lehrern, aber prangere diese Person nicht voller Ärger an. Du hast in der Vergangenheit von diesem Menschen profitiert, und es ist angemessen, das anzuerkennen und wertzuschätzen, auch wenn du ihm nun nicht mehr folgst …

Aus dem Abschnitt mit dem Titel: „Probleme lösen“ [ein Textauszug]

Auf einer Konferenz mit westlichen buddhistischen Lehrern 1993 in Dharamsala erzählten mir westliche Lehrer von einigen buddhistischen Mentoren, deren Verhalten hinsichtlich Finanzen, sexuellen Beziehungen, usw. die Leute tief verstörten und einen falschen Eindruck vom Buddhismus erzeugten. Ich sagte ihnen, dass diese „Lehrer“ nicht die Lehren Buddhas befolgen. Ich ermutigte sie, mit diesen Lehrern offen zu sprechen und, falls diese nicht zuhören wollen, ihr Verhalten in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Wenn diese Lehrer schon keine Achtung vor der Lehre Buddhas haben, so werden sie vielleicht doch Wert auf ihr Ansehen legen und ihr Verhalten ändern. Manche Leute bitten mich, mit diesen Lehrern zu sprechen, aber das hat geringe Wirkung. Wenn sie nicht zuhören, wenn ich Belehrungen gebe, und wenn sie die Lehren Buddhas nicht respektieren, dann hören sie auch nicht auf mich, wenn ich ihnen persönlichen Rat gebe.

Vielleicht fragst du dich, was du tun kannst, wenn ein Freund von dir ein Schüler oder ein Lehrer ist, dessen ethisches Verhalten fragwürdig ist. Tantrische Belehrungen sprechen vom destruktiven Karma, das durch das Trennen eines Mentors vom Schüler entsteht, und doch willst du deinen Freund vor Schaden bewahren. Wenn du siehst, dass die Beziehung deines Freundes mit einem Lehrer definitiv schädlich ist, ist es passend, ihn oder sie zu warnen, indem du einfach Tatsachen benennst, ohne zu urteilen. Ist die Beziehung jedoch nicht schädlich, ist es am besten, die Sache in Ruhe zu lassen. Ob man das negative Karma des Trennens von Schüler und Lehrer erzeugt, hängt von der Motivation ab. Handlungen, die von einer zornigen, urteilenden Haltung motiviert sind, sollten vermieden werden, während Handlungen auf der Basis von Mitgefühl und Toleranz zu ermutigen sind.

Aus dem Abschnitt mit dem Titel: „Rat an spirituellen Mentoren und Schüler“ [ein Textauszug]

Vor Jahren hörte ich von einem Abt in Kham, Tibet. Einige Besucher kamen, um ihn zu sehen. Er war nicht da und sein Assistent sagte den Besuchern, „Er ist zur nächsten Stadt gereist, um dort die Leute zu ängstigen.“ Anscheinend sagte dieser Lama den Menschen, sie würden zur Hölle gehen, wenn sie seine Anweisungen nicht befolgten. Das ist nicht der buddhistische Weg.

Ich möchte offen zu spirituellen Mentoren und auch zu Dharma-Schülern sprechen. Von 2012 bis 2015 lehrte ich die achtzehn Lamrim-Texte. Einige dieser Texte betonen, dass der Guru Vajradhara ist, und wenn du die Anweisungen deines Gurus nicht befolgst, wirst du als Höllenwesen wiedergeboren. Was ist denn das? Der Buddha hat nie gesagt, man würde in der Hölle wiedergeboren, wenn man seine Belehrungen nicht anhört und nicht tut, was er sagt. Der Buddha sagte, wir sollten Belehrungen nicht mit blindem Glauben annehmen, sondern indem wir sie untersucht und analysiert hätten. Dass ist die wahre Art, den Belehrungen Buddhas zu folgen.

Falls etwas rationaler Prüfung nicht standhält, sollten wir es nicht akzeptieren, außer wenn es berechtigterweise so interpretiert werden kann, dass es eine andere Bedeutung ergibt. Aus diesem Grund lehnten sogar einige Nalanda-Meister gewisse Bemerkungen in den Sutras ab. Nachdem ich es überprüft hatte, mied ich die traditionelle Kosmologie mit dem Berg Meru im Zentrum. Als ich dies im Laufe von Belehrungen in Südindien sagte, fühlten sich manche Mönche anfangs damit unwohl. Wie kann der Dalai Lama den Berg Meru beanstanden? Niemand jedoch konnte sagen, ich wäre kein guter Buddhist mehr, da ich mit Vasubandhu in diesem Punkt nicht übereinstimmte. Unsere Freiheit, die Lehren zu prüfen, ist wunderbar, dies ist eine besondere Eigenschaft des Buddhismus, die der Buddha selbst ermutigte.


Dalai Lama, 14. und Thubten Chodron, The Foundation of Buddhist Practice; The Library of Wisdom and Compassion, Band 2; 2018,  Seiten. 123-126 & 127-128.
© Dalai Lama & Thubten Chodron. Mit freundlicher Erlaubnis von Thubten Chodron.
Übersetzerin aus dem Englischen: Ilga Stoeppler.

© Manuel Bauer, 15.05.2014. Besuch Seiner Heiligkeit des 14. Dalai Lama nach Frankfurt, Deutschland.

Von einer Lamrim Unterweisung, veröffentlicht im Jahr 1982

Die Gabe der Praxis bedeutet immer gemäß der Belehrungen des eigenen Lehrers zu leben. Aber was passiert, wenn der Lehrer uns einen Rat erteilt, dem wir nicht folgen möchten oder der dem Dharma und dem gesunden Menschenverstand widerspricht? Der Maßstab muss immer die logische Schlussfolgerung und der Dharma sein. Jeder Ratschlag, der den vorgenannten zuwiderläuft, muss zurückgewiesen werden. Dies wurde von Buddha selbst gelehrt. Wenn man an der Gültigkeit des Gesagten zweifelt, sollte man sich behutsam diesem Punkt annähern und alle Zweifel darüber klären. Dieses Unterfangen ist im Höchsten Tantra als besonders sensitiv anzusehen, da es in diesem Bereich um die totale Hingabe an den Lehrer als Grundvoraussetzung geht, doch selbst hier kommt diese Hingabe nur in einem gewissen Sinne zum Tragen. Wenn der Lehrer nach Osten zeigt und Ihnen sagt, nach Westen zu gehen, bleibt dem Schüler wenig Alternativen, außer seinen Einwand zu äußern. Dies sollte mit Respekt und Bescheidenheit tun, denn dem Lehrer negativ gegenüber zu treten, ist kein nobler Weg seine oder ihre Güte zurück zu zahlen.

Die Wahrnehmung der Fehler des Lehrers sollte nicht dazu führen, dass wir ihn nicht mehr respektieren, denn indem uns der Lehrer Fehler demonstriert, zeigt er uns tatsächlich, was wir vermeiden sollten. Zumindest ist dies die für uns nützlichste Sichtweise. Ein wichtiger Punkt hierbei ist, dass der Schüler wirklich von wahrhaftigem Forschergeist durchdrungen ist und über eine klare, nicht über eine blinde Hingabe verfügt.

Häufig wird gesagt, dass die Essenz der Übung des Guru Yoga im Kultivieren der Kunst, alles, was der Lehrer tut, als perfekt anzusehen, liegt. Persönlich mache ich dies nicht, um nicht zu weit zu gehen. In den Schriften steht oft geschrieben: „Jede Handlung als perfekt betrachten“. Wie auch immer, diese Phrase muss im Licht der Worte von Buddha Shakyamuni selbst gesehen werden: „Nehmt nichts von dem, was ich euch lehre, einfach aus Glauben oder aus Respekt vor mir an, sondern überprüft es selber, als ob ihr Gold kauftet.“ Das Problem mit der Praxis, alles, was der Lehrer tut als perfekt anzusehen, ist, dass diese sich sehr leicht in Gift für Lehrer und Schüler verwandeln kann. Wann immer ich diese Praxis lehre, empfehle ich deshalb immer die Tradition „jede Handlung wird als perfekt angesehen“ nicht zu betonen. Sollte der Lehrer nicht-dharmische Eigenschaften hervorbringen oder Belehrungen geben, die dem Dharma widersprechen, so muss die Anleitung, den spirituellen Meister als perfekt anzusehen, zu Gunsten von Vernunft und Dharma-Weisheit aufgegeben werden.

Nehmt zum Beispiel mich. Weil viele der früheren Dalai Lamas großartige weise Menschen waren und mir nachgesagt wird, dass ich deren Reinkarnation bin und auch weil ich während meiner Lebenszeit häufig an religiösen Debatten teilgenommen habe, setzen viele Menschen sehr viel Vertrauen in mich, und in ihrer Guru Yoga Praxis visualisieren sie mich als ein Buddha – Ich werde von diesen Menschen auch als weltlicher Führer angesehen. Daher kann die Belehrung „jede Handlung als perfekt zu betrachten“ leicht als Gift sowohl für meine Beziehung zu ihnen, als auch für die Effizienz meiner Aufgaben. wirken. Ich könnte mir denken; „Sie alle sehen mich als einen Buddha an, und deshalb werden sie alles akzeptieren, was ich sage.“ Zu viel Vertrauen und unterstellte Reinheit der Wahrnehmung kann die Dinge sehr leicht verderben. Ich empfehle immer, dass die Belehrung über das Betrachten der Handlungen des Lehrers als perfekt im Leben einfacher Praktizierender nicht betont werden sollte. Es wäre eine unglückselige Angelegenheit, wenn dem Buddhadharma, der auf profunder Vernunft basiert, nur noch der zweite Platz eingeräumt wird.

Vielleicht denken Sie: „Der Dalai Lama hat nicht die Schriften des Lam Rim gelesen. Er weiß nicht, dass es keine Praxis im Dharma ohne den Lehrer gibt.“ Ich schätze die Belehrungen des Lam Rim nicht gering. Auf einem spirituellen Pfad sollte sich der Schüler an einem Lehrer orientieren und er sollte über die Güte und die guten Qualitäten dieses Lehrers meditieren, aber die Belehrung hinsichtlich seine oder ihre Handlungen als perfekt anzusehen kann lediglich im Kontext des Dharmas in seiner Ganzheit angewandt werden und in Bezug auf den rationalen Zugang zum Wissen, der hier befürwortet wird. Da diese Belehrungen (die Taten des Lehrers als perfekt anzusehen) dem Höchsten Tantra entlehnt worden sind und im Lam Rim hauptsächlich erscheinen, um den Übenden für die tantrische Praxis vorzubereiten, müssen Anfänger dies mit Vorsicht behandeln. Für die spirituellen Lehrer gilt, sollten sie dieses Gebot des Guru Yoga verdrehen, um naive Schüler auszunutzen, so werden ihren Handlungen wie flüssiges Höllenfeuer direkt in ihre Bäuche fließen.

Der Schüler sollte als prinzipielle Richtschnur immer auf die Vernunft und die Weisheit des Dharma bauen. Ohne diesen Zugang ist es schwierig Dharma-Erfahrungen zu verdauen. Machen Sie eine gründliche Vorabprüfung bevor Sie jemanden als Lehrer akzeptieren und selbst dann folgen Sie diesem Lehrer lediglich innerhalb vernünftiger Konventionen wie diese von Buddha dargelegt wurden. Die Belehrungen, die Taten des Lehrers als perfekt anzusehen, sollten größtenteils für die Praxis des Höchsten Tantra reserviert bleiben, hier werden sie eine neue Bedeutung erfahren. Im tantrischen Fahrzeug ist eins der grundlegenden Yogas die Sichtweise, die Welt als Mandala großer Glückseligkeit zu sehen und sich selbst sowie alle Wesen als Buddhas. Unter diesen Umständen wäre es absurd, sich selbst und alle anderen als Buddhas anzusehen, aber nicht den Lehrer!


Dalai Lama, 14., The Path to Enlightenment, Snow Lion, 1982, Seiten. 70-72.
© Für die Copyrights, Erlaubnis des Verlags, den vollen Auszug, und weitere Links zum Thema siehe: Den Ratschlag des Lehrers in Frage stellen – XIV. Dalai Lama, Tenzin Gyatso.
Übersetzerin aus dem Englischen: Claudia Landor.

Der 14. Dalai Lama zum Thema: Wenn der Vajrayana Guru doch nicht so perfekt ist …
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