Zu den Vorwürfen von Machtmissbrauch und sexuellem Fehlverhalten gegenüber Sakyong Mipham Rinpoche und Teilen der Shambhala Führung

Das Shambhala Logo von 2012 drückt aus, dass Shambhala eine „erleuchtete Gesellschaft“ erschaffen will.

Die buddhistische Organisation Shambhala International legte am Sonntag, den 3. Februar 2019, den Bericht der von ihr beauftragten Anwaltsfirma Wickwire Holm mit Sitz in Halifax, Hauptstadt der Provinz Nova Scotia in Kanada, vor. Dieser untersucht einige Vorwürfe von Machtmissbrauch und sexuellem Fehlverhalten.

Dem Leiter von Shambhala International und ältesten Sohn von Chögyam Trungpa, Sakyong Mipham (Ösel Mukpo), wird in dem Bericht attestiert, dass er betrunken und ohne deren Zustimmung eine Frau küsste und begrapschte, andere Frauen zum Sex drängte und es genügend Übereinstimmung in den eingegangenen Zeugnissen gibt, die ein Bild ergeben, in dem klar wird, dass der Sakyong in den 90er Jahren bis hin zum Jahr 2005 häufig sexuelle Kontakte mit Schülerinnen hatte und diese Beziehungen von einem Machtungleichgewicht gekennzeichnet waren.

Der Bericht enthält detaillierte Untersuchungen von Wickwire Holm über Behauptungen von zwei Frauen, die sagen, dass Mipham sie sexuell angegriffen hat. Die erste dieser beiden Frauen sagt, dass Mipham sie betrunken küsste und sie gegen ihren Willen nach einer Party in seinem Haus in Halifax im Jahr 2011 befummelte. Der Bericht stellt fest, dass Mipham „ihre persönlichen und sexuellen Grenzen in einer Weise verletzt hat, der sie nicht zustimmte“. Allerdings benennt die Anwaltsfirma den Vorfall nicht „sexuellen Übergriff“ sondern „sexuelles Fehlverhalten“. Beide Begriffe werden von Carol Merchasin in einem Beitrag für Buddhist Project Sunshine differenziert:

Sexuelles Fehlverhalten ist ein weiter Begriff, der ‚sexuelle Gewalt‘ sowie eine Reihe anderer Arten von Fehlverhalten, die sexueller Natur sind, beinhaltet. Das von Frau Bath bestätigte Verhalten ist im Allgemeinen sexuelles Fehlverhalten, aber ganz spezifisch ist es ein sexueller Übergriff. Also, nennen wir es so, wie es ist – ein sexueller Übergriff, der eine Straftat ohne Verjährung in Nova Scotia ist, wo er stattgefunden hat.

Die Untersuchung der Anwaltsfirma ergab auch, dass Personen, die den Vorfall gesehen hatten, sich zusammenschlossen, um Miphams Handlungen herunterzuspielen und sein Opfer zu diskreditieren.

Der Bericht sagt nichts darüber aus, ob dies für Sakyong Mipham irgendwelche Konsequenzen haben wird. Sakyong Mipham selbst veröffentlichte ein Statement an die Shambhala Gemeinschaft, in der er seine Hoffnung zum Ausdruck bringt, „dass wir anfangen können, zu klären, wer wir sind, sowohl einzeln als auch gemeinsam“ und dann zu „entscheiden, ob wir in dieser Beziehung zusammen sein wollen.“

The Coast berichtet über die Wickwire Holm Untersuchung:

Der Bericht von Wickwire Holm […] stellt fest, dass „mehr als 75 Personen Behauptungen über sexuelles Fehlverhalten oder Informationen über sexuelles Fehlverhalten innerhalb der Organisation vorgebracht haben“. Damit diese untersucht werden konnten, mussten die Beschwerdeführer innerhalb der von Shambhala USA (ehemals Shambhala International) festgelegten Parameter bereit sein, ihre Identität ihrem Täter gegenüber zu offenbaren. Die meisten dieser Anschuldigungen wurden also nicht untersucht und stattdessen anonymisiert und dem Zwischenausschuss von Shambhala USA zur Verfügung gestellt. Es ist unklar, was der Vorstand mit diesen Informationen machen wird.

Zehn Beschwerdeführer traten vor, die sich bereit erklärten, ihren Namen an die Untersuchung anzuhängen, aber nur drei dieser Behauptungen wurden untersucht. Der Bericht stellt auch 20 Beschwerden über sexuelles Fehlverhalten anderer [Shambhala-]Führer sowie eine Litanei an Themen in der Gemeinschaft fest, vom Trinken des Sakyong über Rassismus bis hin zu dem Gefühl, dass Berichte über Fehlverhalten unter den Teppich gekehrt werden, und diejenigen, die sich beschweren, zum Schweigen gebracht und gemieden werden.

Carol Merchasin, eine Arbeitsrechtsanwältin, die die Behauptungen des Buddhist Project Sunshine (BPS) von Andrea Winn untersuchte und bewertete, drückt u.a. Dankbarkeit über den Bericht der Anwaltsfirma aus. Dankbarkeit einerseits dafür, dass der Bericht endlich veröffentlicht wurde und andererseits, weil „Frau Bath in der Lage war, mit genügend Menschen zu sprechen, um die Muster von Fehlverhalten zu erkennen – einschließlich Alkoholmissbrauch, Machtmissbrauch, finanzielles Missmanagement, Ausweichen, Schweigen und Scham.“ Aber auch Enttäuschung drückt Carol Merchasin in ihrem Beitrag aus:

  1. Enttäuschung über den Umfang der Untersuchung, die nicht umfasste, wer unter den Shambhala Funktionären, Verwaltern, Lehrern und den persönlichen Mitarbeitern des Sakyong von dem Fehlverhalten des Sakyong wusste und mitverantwortlich war. … „Ein Teil dessen, was schief gelaufen ist, liegt beim Sakyong, aber ein anderer großer Teil liegt bei einer Führung, die sein Verhalten ermöglicht und gedeckt hat. Ohne das volle Ausmaß davon zu kennen, werden sich viele Aktivitäten, Ausschüsse und Gruppendiskussionen wie ein Vorstoß anfühlen, aber vielleicht nicht in Richtung eines nachhaltigen Wandels. Ohne eine vollständige Diagnose der gesamten Dysfunktion ist es unsinnig Heilung zu erwarten.“
  2. Enttäuschung über das Fehlen einer Untersuchung der Behauptungen der chilenischen Frau aus dem Buddhist Projekt Sunshine Bericht vom Juli 2018
  3. Enttäuschung über den Brief und die Entschuldigung des Sakyong.

Auch darüber, dass sich „niemand in einer Autoritätsposition in Shambhala … jemals offiziell öffentlich bei den Menschen entschuldigt hat, die verletzt wurden und die den Mut hatten, diese Fragen gegenüber der Gemeinschaft anzusprechen“ zeigt sich Merchasin enttäuscht. Sie fügt an: „Der Neuaufbau der Organisation kann nicht stattfinden, es sei denn, es gibt eine vollständige Aufarbeitung der Vergangenheit. Entschuldigungen sind harte Arbeit, aber es ist Arbeit, die getan werden muss.“ In einer Checkliste schlägt sie vor was in einer Entschuldigung enthalten sein sollte:

  • Ausdruck des Bedauerns
  • Erklärung, was schief gelaufen ist
  • Anerkennung der Verantwortung
  • Reueerklärung
  • Wiedergutmachungsangebot
  • Bitte um Vergebung

Zur Formulierung einer Entschuldigung schlägt Merchasin vor:

Wir bedauern es außerordentlich, dass ihr ein Trauma erlebt habt durch euren spirituellen Lehrer und die Organisation, der ihr vertraut und auf die ihr euch verlassen habt. Wir alle als Anführer dieser Gemeinschaft haben euer Vertrauen gebrochen; wir waren nicht nur daran beteiligt, dieses aggressive Verhalten zu sehen und zu erlauben, dass es fortgesetzt wird, sondern wir haben euch auch noch mehr Schmerz zugefügt, indem wir nicht zuhörten, indem wir versuchten den Schaden kleinzureden, indem wir leugneten, es sei überhaupt passiert, indem wir euch erniedrigten, indem wir euch als “bedürftig”, “problematisch” oder “zu ambitioniert” bezeichneten. Wir sehen ein, dass all diese unsere Verhaltensweisen falsch waren – sie waren nicht nur falsch, sondern sie geschahen in dem Bemühen, uns selbst zu schützen und nicht euch. Vor dem Hintergrund all dessen stehen wir vor euch in überwältigender Reue für den Schaden, den wir ermöglicht haben. Zusätzlich zu den notwendigen Veränderungen, die wir in der Organisation vornehmen, beabsichtigen wir sofort ein Programm zu starten zur Entschädigung und Wiedergutmachung für jeden einzelnen von euch, der aufgrund unseres Verhaltens und unserer Versäumnisse Schmerz erlitten hat.

Eine Website, www.shambhala-apology.com, hat diesen Entschuldigungsvorschlag von Carol Merchasin bereits aufgegriffen. Die Website wendet sich an Shambhala Mitglieder, die „das Gefühl haben, dass Sie an dem Missbrauch beteiligt gewesen sein könnten, ob direkt oder indirekt, ob als Führungsperson oder nicht“ und gibt ihnen die Möglichkeit, sich der Entschuldigung an die Betroffenen anzuschließen.

Eine Online-Petition fordert, dass lokale Zentren des Shambhala-Buddhismus aus dem inneren Kreis der Anhänger von Ösel Mukpo (Sakyong Mipham Rinpoche) abgespalten werden. Sie richtet sich an den Shambhala Zwischenausschuss (Interim-Board), Shambhala International, Ösel Mukpo, lokale Shambhala Zentren, lokale Führungspersonen und das Shambhala Presseteam.

Von Herzen wünsche ich allen Betroffenen von Missbrauch Heilung und exzellente Unterstützung. Den Tätern und Mitverantwortlichen wünsche ich Einsicht, Mut zur Ehrlichkeit und Mitgefühl.

Updates Februar 2019

Offener Brief von sechs langdienenden Bodyguards

In einem Offenen Brief wenden sich sechs Zeugen aus dem innersten Zirkel um Sakyong Mipham Rinpoche – im Brief „Mr. Mukpo“ genannt – an die Shambhala Gemeinschaft. Diese sogenannten Kusung¹-Funktionäre (oder Kusung Offiziere) aus der Kasung¹ Tradition brechen ihr Schweigen. Mit dem Teilen ihres Wissens stellen sie sich einerseits ihrer eigenen Verantwortung und ihrem Mitwirken in einem Missbrauch ermöglichenden System, andererseits wollen sie explizit die Berichte von Betroffenen und Whistleblowern validieren und die begrenzte Wickwire Holm Untersuchung erweitern:

Wickwire Holm hatte ein sehr enges Mandat für ihre Untersuchung. Wir wissen jedoch, dass Missbrauch im Allgemeinen zu wenig gemeldet wird, was auf eine viel größere Epidemie in der Shambhala Gemeinschaft verweist.

Zudem scheine es innerhalb von Shambhala Anstrengungen zu geben, die Anzahl und Schwere der Vorkommnisse, die die Untersuchungen von Carol Merchasin für Buddhist Project Sunshine bestätigten, herunterzuspielen. In Bezug auf Sakyong Mipham Rinpoche, Herr Mukpo, bestätigen die sechs Unterzeichner eine „lange Geschichte“ „sexuellen Fehlverhaltens“ und „fragwürdigen Verhaltens gegenüber seinen Studenten, das von grober schädigender Sprache bis hin zu physischem und psychischem Missbrauch“ reicht. Er habe auch „den Missbrauch von Organisationsmitteln konsequent betrieben.“ Der Meinung der Unterzeichner nach, die alle namentlich benannt und mit einem Überblick ihres Engagements für den Sakyong bzw. Shambhala versehen sind, gehe sein „Machtmissbrauch … weit über den begrenzten Rahmen des Wickwire Holm [Berichts] hinaus.“ Sie seien besorgt, „dass es unwahrscheinlich ist, dass Herr Mukpo sich ändert.“ Weiter heißt es in der Einleitung zu dem 35-seitigen Dokument:

Die meisten von uns waren seinem Missbrauch ausgesetzt. Manchmal haben wir Herrn Mukpos Verhalten auch unabsichtlich ermöglicht. Wir haben uns alle sehr darum bemüht, unsere blinden Flecken zu verstehen. Wir müssen die bittere Pille schlucken und einsehen, dass wir das Verhalten dieses Mannes ermöglichten. Je mehr wir unsere eigene Intuition ignorierten, desto mehr Menschen wurden verletzt und desto mehr breitete sich der Schaden aus. So wie es bei uns der Fall war, so werden vielleicht viele andere Shambhala-Anführer nicht ihre Rolle bei der Ausbreitung dieses Schadens erkennen. Tatsächlich sind viele selbst Opfer.

Wenn wir auch den Schaden nicht rückgängig machen können, so können wir doch hoffentlich die Wahrheit sagen darüber, wie sein Verhalten viele seiner Schüler verletzt hat. Wir versuchen, diejenigen noch weiter zu validieren, die mutig dieses Muster benannten und die wahrscheinlich erleben mussten, dass die Vorkommnisse heruntergespielt wurden oder man ihnen mit “gaslighting” begegnete (d.h. dass ihre Wahrnehmung der Realität in Frage gestellt wurde; eine Form von psychischer Gewalt; AdÜ).

Obwohl die Shambhala-Gemeinschaft in einigen Bereichen der Führung Veränderungen vornimmt, neben der Überprüfung der Finanzen sowie Regeln des ethischen Verhaltens und der Berichterstattung, zweifeln wir daran, dass diese Änderungen ausreichen werden. Unsere Sorge ist, dass diese Bemühungen vielleicht nur als eine bloße Geste des Wandels dienen, solange das Zentrum der Gemeinschaft sich nicht dem tiefen Unbehagen seiner eigenen Mitverantwortung stellen kann.

Updates März 2019

Shambhala veröffentlichte nun den Bericht von An Olive Branch, in dem Behauptungen über Missbrauch innerhalb der Shambhala Gemeinschaft ausgeführt werden. Der Bericht enthält dutzende Anschuldigungen über sexuellen, körperlichen und emotionalen Missbrauch sowie über sexualisierter Gewalt gegen Kinder, die auf die ’70er Jahre zurückgehen. Angeschuldigt werden der Leiter von Shambhala, Sakyong Mipham (Ösel Mukpo), der Gründer Chögyam Trungpa sowie andere leitende Personen von Shambhala.

An Olive Branch ist ein buddhistisch inspirierter gemeinnütziger Verein, der spirituellen Gemeinschaften hilft, Ethikrichtlinien zu entwickeln und Fehlverhalten zu bekämpfen. Die Vorwürfe wurden weder bestätigt noch investigativ untersucht.

In der Einführung zum Bericht erklärt Shambhala: „Die Shambhala-Gemeinschaft kann sexuelle Gewalt, Belästigung und andere Formen struktureller Gewalt nicht länger leugnen oder ignorieren. In dieser kritischen Zeit bitten wir die gesamte Sangha, darüber nachzudenken, was verändert werden muss und was wir bewahren wollen.“

Nach dem das Buddhist Project Sunshine (BPS) mehrere Vorwürfe wegen sexuellen Fehlverhaltens von Lehrern und Mitarbeitern in Shambhala ans Licht gebracht hatte, darunter auch vom Leiter der Organisation, Sakyong Mipham Rinpoche, beauftragte Shambhala An Olive Branch, Informationen über Fehlverhalten in der Gemeinschaft zu sammeln und neue ethische Richtlinien zu empfehlen. Mittels einer Hotline, genannt „Listening Post“, konnten sich Betroffene, die in Shambhala Schaden erlitten haben, anonym bei An Olive Branch melden und wenn gewünscht Unterstützung erhalten. Während des viermonatigen Bestehens der Hotline, von September bis Dezember 2018, meldeten sich 62 Anrufer.

Das 62-seitige Listening Post enthält 51 Berichte über sexuellen Missbrauch, 7 Berichte über Kindesmissbrauch, 10 Berichte über körperlichen Missbrauch und 12 Berichte über emotionalen Missbrauch. Die Berichte über sexuellen Missbrauch enthielten drei Anschuldigungen gegen Shambhala Zentrumsdirektoren, vier Anschuldigungen gegen ältere Lehrer und jeweils eine Anschuldigung gegen Sakyong Mipham und Chögyam Trungpa, der eine Frau Anfang der ’70er Jahre sexuell missbraucht haben soll. Mit Ausnahme der Verweise auf Sakyong Mipham und Chogyam Trungpa wurden alle Namen und andere identifizierende Details aus dem Bericht entfernt.

Ebenfalls veröffentlicht wurde eine breite Palette von Empfehlungen von An Olive Branch über Änderungen, die Shambhala vornehmen könne, um eine sicherere Gemeinschaft zu werden. Ebenso wurde der Entwurf eines Verhaltenskodex beigefügt mit möglichen Richtlinien und Beschwerdeverfahren für Shambhala.

Update April 2019


¹ Ku sung (Wylie: sku srung) und Ka sung (Wylie: bka‘ srung) haben im Tibetischen unterschiedliche Bedeutungen:

Ku sung bedeutet den Körper des Lehrers schützen. Sku (སྐུ་, sanskrit: kāya) ist die höfliche Form der Silbe für den Körper. Gemeint ist hier der Körper eines Verwirklichten. Sku ist einer der vielen Begriffe, die man benutzt, wenn man im Allgemeinen wie auch im philosophischen Sprachgebrauch Ehrerbietung ausdrücken will.

Ka sung bedeutet die Lehre des Buddha schützen. Wobei die Silbe bka’ (བཀའ་) für das Wort des Buddha oder die Lehren des Dharma steht.
Tony Duffs Illuminator: bka’ srung: » 1) “Command guard”. A name for dharma protectors in the larger sense, any one who guards the teaching. Here the term བཀའ་ means the word of the buddha, the teachings of the dharma. 2) A “personal guard”, “a body guard” e.g., the body guards of the Dalai Lama, or the president of a country, or a private person who has hired someone as a body guard.

Zu den Vorwürfen von Machtmissbrauch und sexuellem Fehlverhalten gegenüber Sakyong Mipham Rinpoche und Teilen der Shambhala Führung

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