„Der ermächtigte Meister: Eine systemische Rekonstruktion am Beispiel des Skandals um Sogyal Rinpoche“ von Werner Vogd

Herr Martini: „Ja, Sogyal sagt manchmal, das sind schon wirklich sehr, sehr [lacht] degenerierte Zeiten, dass so jemand wie ich ’n Lehrer ist, dem ihr folgt.“ [Beide lachen.]
Interviewerin: „Ja, er hat wirklich Humor.“


Im April 2019 erschien eine Monografie von Werner Vogd, Professor für Soziologie an der Fakultät für Kulturreflexion der Universität Witten/Herdecke, „Der ermächtigte Meister: Eine systemische Rekonstruktion am Beispiel des Skandals um Sogyal Rinpoche“.

Für eine Buchbesprechung für Buddhismus Aktuell habe ich den Band von Werner Vogd gelesen. In diesem Post will ich einige seiner Ausführungen ausführlicher darstellen und zitieren. Dabei gehe ich auch kurz auf aktuelle Nachrufe tibetischer MeisterInnen ein, die nach dem Tod Sogyal Lakars am 28.08.19 verfasst wurden und betrachte einige dieser Nachrufe aus dem Blickwinkel der von Vogd beschriebenen Diskursverschiebung von der „überprüfbaren Faktenebene“ auf die „nicht überprüfbare Subjektivität“.

Einer der vielen für mich spannenden Punkte des Buches ist, wie Werner Vogd aufzeigt, wie Kontexte, Konditionierungen und wechselseitiges Bestätigen Wahrnehmungen verändern können. Dazu gehört, wie Rigpa die Vorwürfe von Missbrauch managt. Von der überprüfbaren Faktenebene, was ist vorgefallen, wird durch „falsches Schweigen“ (der Meister äußert sich dazu nicht, mir ist nichts bekannt, das sind nur Vorwürfe etc.) zu einer Verschiebung des Diskurses auf eine für andere nicht überprüfbare Subjektivität (meine Erfahrungen mit ihm sind nur gut, er hat nur gute Motivationen, er handelt ausschließlich aus Mitgefühl) umgeleitet. Dies geschieht mittels „falschem Reden“ (denn es betont das Nicht-Überprüfbare, Spekulative, Subjektive) und „falschem Schweigen“ (Fakten werden nicht ausgesprochen oder verifiziert).

In Absatz 2 des VII. Kapitels „Richtiges und falsches Schweigen“ zeigt Vogd auf, wie „die Welt der Tatsachen“, „deren Wahrheitsgehalt intersubjektiv überprüft werden kann“, durch falsches Schweigen und falsche Rede durch eine zweite Sphäre – die „Du“-Perspektive des Anderen (Sogyals „Innerlichkeit“) überlagert oder verdrängt wird. Eine Perspektive, die für andere eben nicht zugänglich ist. Während Sogyal Lakars Haltung oder Gesinnung als zugänglicher Sachverhalt dargestellt wird, wird die überprüfbare „Welt der Tatsachen“ aus dem Diskurs verdrängt. Dadurch bietet Rigpa seinen Anhängern und Außenstehenden einen neuen Deutungsrahmen. Vogd:

Die falsche Rede – die schnell zum geschäftigen Geschwätz des Anhängers mutiert – über die geistigen Fähigkeiten oder die heiligen Motive des Lehrers (niemand kann in ein fremdes Bewusstsein hineinschauen) fördert magische Projektionen. Beides bestärkt wiederum das Tabu, kritische Fragen zu stellen, und die Haltung, bei den immer offensichtlicher werdenden Tatsachen lieber wegzuschauen.

Sogyal Lakar verstarb am 28.08.2019.

Auf einer „Testimony“ Seite von Rigpa kann man Nachrufe von MeisterInnen des Tibetischen Buddhismus lesen. Einige dieser Nachrufe erfüllen genau die hier von Werner Vogd angesprochene Verlagerung auf die nicht überprüfbare subjektive Ebene und das „falsche Schweigen“.

So behaupten Rigpa, Mindrolling Khandro Rinpoche und Khamtrul Rinpoche Sogyal Lakars Eingang in das „Parinirvana“ und heben ihn so auf die Stufe (buddhistischer) Heiligkeit, unterstellend, er habe die Arhatschaft / das Nirvana (Befreiung vom Daseinskreislauf, den Geistesgiften) erlangt. Einige Nachrufe unterstellen ihm eine nur edle Motivation für seine Verbreitung des Dharma. Ein Nachruf nennt Sogyal Lakar ein „fantastisches Individuum“, oder „einen höchsten Meister … der seinen physischen Körper verlassen und mit dem dharmadhatu“ (die Sphäre aller Dharmas / der absoluten Realität) verschmolzen sei. Ein anderer Nachruf stellt seine schädigenden Taten als „Anschuldigungen“ dar und leugnet sie so. Das Ansprechen und Bekanntmachen von Missbrauch wird zu „attackieren“, sein Schweigen zu den Vorwürfen wird als edel dargestellt. Er habe sich still zurück gezogen und sei gegangen – was insinuiert, er sei freiwillig gegangen, es wäre seine Wahl gewesen und dass das Handeln der „attackierenden“ SchülerInnen – viele von ihnen selbst Opfer seiner gewalttätigen Handlungen – seinen freiwilligen Rückzug aus dieser Welt (bzw. seinen Tod) verursacht hat. Obwohl einige Nachrufe eher nur Beileid bekunden, gedenkt keiner dieser Nachrufe den Opfern physischer, sexualisierter oder emotionaler Gewalt durch Sogyal Lakar.¹ Der Bericht der Anwaltsfirma Lewis Silkin (die „überprüfbare Faktenebene“) bestätigte vor einem Jahr Berichte von Whistleblowern und stellte zusammenfassend fest, dass

einige Schüler Sogyal Lakars (die Teil des ‚inneren Kreises‘ waren …) ernsthaftem körperlichem, sexuellem und emotionalem Missbrauch durch ihn ausgesetzt waren.

Diese Faktenebene wird in keinem einzigen Nachruf gewürdigt („falsches Schweigen“). Statt „überprüfbarer Faktenebene“ wird in einigen der Nachrufe eine „nicht überprüfbare Subjektivität“ betont.

Zurück zu Werner Vogd – dessen Analyse man durchaus auch nachträglich als Kommentar zu einigen der aktuellen Nachrufe tibetischer MeisterInnen lesen kann:

Diese und andere Weisen der Rede, welche des Meisters Heiligkeit als Tatsache feststellen, zeugen von (bewussten) ontologischen Verwirrungen. Über die Intentionen, die innere Haltung und damit auch über die Heiligkeit des Lehrers lässt sich nichts wissen, sehr wohl aber über sein Verhalten. Über Erstere wird geredet, über Letzteres (zumindest in den Vorwürfen) geschwiegen.

Vogd demontiert auch die von vielen, auch mir gegenüber, immer wieder gepriesene angebliche „Offenheit“ von Rigpa auf ihren „Informationsveranstaltungen“ zu den Vorwürfen von Missbrauch. Er zitiert einen Rigpa Schüler mit Abschluss eines 3-Jahres-Retreat in Lerab Ling aus einem Interview von 2015:

INTERVIEWER: „Und da sind wir jetzt in der Recherche irgendwie auf diesen einen Sexskandal gestoßen.“

HERR MÜLLER: „Also, ich weiß es, kann sein, dass es sehr offen kommuniziert wird. Ganz einfache Informationsveranstaltungen, das ist sehr proaktiv gemacht worden. Die Umstände sind erklärt worden.

[…] Rinpoche selbst äußert sich dazu nicht weiter, und das ist mein Verständnis, wie spirituelle Meister damit umgehen, das ist mir, bin darauf hingewiesen worden, dass es einfach eine Art ist, über persönliche Anschuldigungen nicht reden zu können […]. Es ist sehr offen darüber gesprochen worden, ja. Und die Leute müssen es eben für sich persönlich durcharbeiten.“

Vogd analysiert:

In diesem Interviewtext reproduziert sich deutlich die zuvor herausgearbeitete Problematik des falschen Schweigens. Der Befragte ist (auch an anderen Stellen des Interviews und wie andere befragte Schüler) nicht in der Lage, konkrete Tatsachen, welche den Anschuldigungen zugrunde liegen bzw. sie widerlegen würden, zu benennen. Übrig bleibt allein die Referenz auf die Informationsveranstaltungen der Organisation sowie der Verweis auf das Schweigen des Meisters.

Interessant ist hier zudem, dass die vermeintlich eigene Person („[…] und das ist mein Verständnis“) mit der Instruktion durch die anderen semantisch zu verschwimmen beginnt („[…] das ist mir, bin darauf hingewiesen worden“). Dass darüber offen geredet wird, bedeutet entsprechend gerade nicht, dass die im Raum stehenden Tatsachenbehauptungen einer objektiven Klärung zugeführt werden, sondern dass das Problem nun in die Sphäre subjektiver „Du“-Positionen verwiesen wird (hier nochmals die interessante Gegenüberstellung: Der Meister kann über persönliche Anschuldigungen nicht reden, aber es wird sehr offen darüber gesprochen). Alle, die das Problem haben, „müssen es eben für sich persönlich durchzuarbeiten“.

Wie uns auch andere Informanten bestätigt haben, geht es in den Informationsveranstaltungen dann auch weniger um Informationen denn um eine Art Therapie der Schüler, welche ein Problem mit der Ungewissheit der Situation haben. Nicht der (vermeintliche) Täter erscheint als Problem, sondern die Menschen, welche mitfühlend an der Perspektive der Opfer teilhaben oder sich gar selbst getäuscht sehen. Was sich hier also diesseits des Schweigens zeigt, ist eine ontologische Verwirrung: Sachverhalte, die objektiv zu klären sind, werden subjektiviert. Die Subjektivität des Meisters – seine angebliche Heiligkeit – wird zur objektiven Tatsache verklärt. Das Schweigen schützt damit kein mystisches Geheimnis, sondern verhindert nur das Aufdecken einer Illusion, die von verschiedener Seite und aus unterschiedlichen Gründen aufrechterhalten werden mag. Nichts anderes demonstrieren bei genauerem Hinsehen auch die in sich gebrochenen und von Verwirrung zeugenden Aussagen in den Erzählungen vieler Schüler Sogyals.

und dann kommt er zum Schluss:

In Bezug auf den Umgang mit dem Vorwurf des Missbrauchs lässt sich beobachten, dass die Untersuchung von Tatsachen sowie die aufklärende Kommunikation bekannter Sachverhalte von der Organisation von Rigpa aktiv unterbunden wurden.

Werner Vogd beschreibt aber auch – durch Wiedergabe von Interviews – die (für viele) nicht zu leugnenden guten Effekte, die Rigpa auf Gefolgsleute hatte – selbst dann in Retrospektive anerkannt, wenn sie Rigpa verließen.² Allerdings waren diese „Drop-outs“ nicht mehr bereit, ihre Zweifel in Bezug auf die überprüfbare Faktenebene durch Überlagerung von Projektionen auf der nicht überprüfbaren spekulativen Ebene (der Meister hat nur aus Mitgefühl gehandelt, alles war zum Vorteil seiner Schüler) zu verdrängen.

Fazit: Ein lesenswertes, sehr erhellendes, auch für andere Zusammenhänge hilfreiches, aber auch anspruchsvolles Buch. Das Buch eignet sich außerdem hervorragend als Inspiration für eine kritische Selbstreflexion und für das Hinterfragen der eigenen Position oder des eigenen Handelns in der persönlichen buddhistischen Gemeinschaft.


¹ Auch wenn es mehr oder weniger gesellschaftliche Vereinbarung sein mag, dass Toten nichts Schlechtes hinterhergesagt wird bzw. es in der tibetischen Kultur ein Taboo ist einen Lama zu kritisieren, Sogyal Lakar mit seinem Tod zu verheiligen und dadurch das Leid, das er SchülerInnen zufügte, aus der Wirklichkeit zu verdrängen marginalisiert seine Opfer. Die Verheiligung trägt nicht dazu bei, die Realität so zu sehen wie sie ist. Somit fehlt die Basis, die Wirklichkeit in friedlicher Akzeptanz annehmen zu können, Mitgefühl für sich selbst und andere zu entwicklen und an der Realität spirituell zu wachsen.
Heiligkeit ist auch nach buddhistischen Maßstäben nur sehr schwer feststellbar. Es heißt im Tibetischen Buddhismus oft „nur ein Buddha kann einen Buddha erkennen“ – inhaltlich angewandt hieße das „nur ein Heiliger kann einen Heiligen erkennen“. Um jedoch Missbrauch als Missbrauch zu erkennen, muss man kein Buddha oder ein Heiliger sein. Wenn denn ein Wunsch nach korrektem Erfassen bestünde, wäre es viel einfacher, die Tatsache seiner schädigenden Handlungen zu sehen und anzuerkennen, als sich in überweltlichen Spekulationen zu verlieren oder an persönlichen Erfahrungen festzuhalten und damit die Missbrauchserfahrungen der Opfer aus dem Diskurs zu verdrängen oder gar zu überschreiben.
[Update 07.09.19: Ringu Tulku Rinpoche schrieb einen Nachtrag zu seinem Nachruf auf Facebook.]
[Update 11.09.19: Sogyal Rinpoche Eulogies Make Victims Disappear, Critics Charge – Tricycle | CTA Statement]

² Wobei das i.R. weniger für diejenigen gilt, die selbst Missbrauch erfahren haben. Ein Interview mit einer missbrauchten Person enthält die Monografie nicht. Sie erwähnt aber, dass sich „bei vielen Schülern deutliche Symptome von Traumatisierungen“ zeigen … „So landet etwa eine Frau, mit der wir sprechen konnten, in einer psychosomatischen Klinik (ihr Leib erscheint damit als das Einzige, was ihr noch Halt geben und worin sich ihr Dilemma ausdrücken kann.“)

Siehe auch

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6 Gedanken zu „„Der ermächtigte Meister: Eine systemische Rekonstruktion am Beispiel des Skandals um Sogyal Rinpoche“ von Werner Vogd

  • 3. September 2019 um 10:26
    Permalink

    Bitte korrigiert das Sterbedatum von Sogyal Rinpoche

    Antworten
  • 7. September 2019 um 20:57
    Permalink

    Kurzes Blitzlicht meinerseits: Es mag womöglich dem „Nichtheiligen“ unmöglich sein, einen Heiligen zu erkennen. Aber als „Nichtheiliger“ einen anderen „Nichtheiligen“ zu erkennen, sollte möglich sein. Also: Ich werde nie einen Buddha als solchen erkennen, aber wenn mir das Verhalten eines vermeintlichen Buddhas obskur vorkommt (womöglich, weil ich selbst mich früher alles andere als heilig verhalten habe). dann sollte ich mich darauf verlassen können. – Natürlich ist mir klar, daß das so leicht dahergesagt ist von einem Außenstehenden, der nicht den Mechanismen einer solchen Gruppe und ihres Anführers unterliegt.

    NB: Im letzten Jahr besuchte ich im Rahmen einer Exkursion das Zentrum Sukhavati in Bad Saarow. Die einzigen Bilder gegenwärtiger buddhistischer Lehrer waren die von Sogyal Lakar. Ich habe das nicht weiter thematisiert, weil ich weder meiner Gruppe Ärger bereiten, noch unseren Gastgeber beleidigen wollte, aber damals waren die Vorwürfe gegen Sogyal Lakar längst präsent (sonst hätte ich ihn auf den Photos gar nicht erkannt). Das Zentrum definiert sich als „überkonfessionell“ im tibetisch-buddhistischen Rahmen. Aber ein eigenartiger Nachgeschmack, daß diese Bilder da hingen, der blieb,,,

    Antworten
    • 7. September 2019 um 21:24
      Permalink

      Danke Borstel. Um Missbrauch als Missbrauch zu erkennen muss man wahrlich kein Heiliger sein. Auch ist es möglich Verbrecher als Verbrecher zu erkennen ohne heilig oder ein Verbrecher zu sein ;-) (einfach ist das natürlich nicht unbedingt … manchmal aber schon …)

      Wegen Bad Saarow / Sukhavati, vielleicht hat sich das nunmehr geändert, die “Marke” ist verbrannt. Vielleicht sind sie aber auch unsensibel. Von einer (sehr kritischen und wachen) Journalistin hörte ich diesen Sommer, dass sie sehr gute Erfahrungen in Dzogchen Beara gemacht und es empfehlen kann. Dort hingen keine Bilder von Sogyal Lakar und alles war sehr freundlich und nicht aufdringlich.

      Antworten
      • 8. September 2019 um 12:43
        Permalink

        Nein, ich hoffe doch auch, daß ich nicht ein Verbrechen begehen muß, um den Verbrecher zu erkennen. Wäre es doch so, dann müßten wir uns Gedanken machen, ob wir Richter, Polizisten usw. direkt aus den Gefängnissen rekrutieren sollten. Eine schon wieder ganz amüsante Vorstellung…

        Die Website von Dzogchen Beara geht auch auf die Mißbrauchsvorwürfe ein und auf die Konsequenzen, die daraus gezogen worden sind, das fand ich sehr transprent.

        Wg. Sukhavati: Daß hinter ihnen die deutsche Tertön Sogyal Stiftung steht, fällt ja beim Besuch auf der Website nicht sofort auf. Und auf der Website der Tertön Sogyal Foundation taucht Sogyal Lakar gar nicht auf.
        Ich war dort in einem nichtspirituellen Kontext: Ich arbeite in der Palliativabteilung eines regionalen Krankenhauses (nicht in Saarow direkt…). Wir hatten als Abteilung einen Teamtag und haben das Zentrum besichtigt, da sie auch palliative Pflege anbieten. Ich muß ehrlich sagen, daß mir das Konzept nicht für die Patienten, die ich betreue, zu passen scheint. Und ich hatte nicht das Gefühl, daß unser Ansprechpartner verstanden hat, welche Voraussetzungen wir benötigen, um Patienten zu ihnen zu verlegen. Aber das hat definitiv nichts mit der Trägerschaft des Zentrums zu tun – nur als Erklärung, weshalb ich mit dem Zentrum schon einmal in Kontakt war.

      • 8. September 2019 um 14:30
        Permalink

        Danke Borstel für deinen Humor und die Details zu Sukhavati.

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